6 Ideen für die Bodenarbeit mit deinem Pferd

 In Pferdetraining

Wer aus verschiedensten Gründen sein Pferd momentan oder generell nicht reitet, der steht vor der Aufgabe andere Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden – wie zum Beispiel die Bodenarbeit. Während beim Reiten eine nahezu endlose Vielzahl an Lektionen, Bahnfiguren und Aufgaben vorhanden ist, sieht die Sache vom Boden für viele Pferdemenschen schon etwas anders aus. Es gibt weniger gut ausgebildete Trainer für dieses Gebiet und auch sonst ist es meist schwerer, Inspiration zu finden. In vielen Ställen scheint Bodenarbeit kaum ein Begriff zu sein. Wer dann mit seinem Pferd ratlos am Halfter in der Bahn steht, der wird vielleicht schnell denken, Bodenarbeit wäre langweilig oder sinnlos. Doch es gibt eine Vielzahl an Gründen, wieso Bodenarbeit dem Reiten keineswegs unterlegen ist.

Wieso sollte ich Bodenarbeit mit meinem Pferd machen?

Bodenarbeit dient vor allem dem Aufbau von Kommunikation. Viele Dinge lassen sich dem Pferd viel leichter erklären, wenn man neben ihm steht und Aufgaben durch die eigenen Körpersprache (wie Haltung, Energie und Gesten) verdeutlichen kann. Pferden als sozialen Wesen und somit auch sozialen Lernern fällt diese Art des Beobachtens und Nachahmens sehr leicht, zumal Pferde wahre Meister der Körpersprache sind. Tatsächlich sind es in den meisten Fällen wir Menschen, die wieder lernen dürfen feiner in unserem Ausdruck zu werden, denn Pferde “schreien” sich auf körpersprachlicher Ebene untereinander nicht oder höchst selten an – sie flüstern sich zu. Dies ist eines der unzähligen spannenden Felder, in denen wir bei der Beschäftigung vom Boden aus dazulernen können.

Doch nicht nur wir lernen uns feiner auszudrücken, sondern wir können auch unseren Pferden eine Menge über den Umgang mit uns beibringen. Wir können daran arbeiten, dass wir eine achtsame und rücksichtsvolle Kommunikation aufbauen. Wir können Pferden beibringen ihre Bedürfnisse angemessen auszudrücken oder sinnvolle Lektionen anzubieten, anstatt einfach drauf los zu machen und uns womöglich zu überrumpeln. Wir können mithilfe der positiven Verstärkung ohne Zwang vermitteln, worauf wir Wert legen, welche Verhaltensweisen wir uns wünschen und sogar Signale etablieren, die dem Pferd sagen wenn ein Verhalten nicht zum Erfolg führen wird (Unterbrechungssignale).

Schließlich können wir in der Bodenarbeit auch unglaublich viel für den Körper unserer Pferde tun. Angefangen bei der Gymnastizierung im Stand über die Bewegung hin zu Lektionen der hohen Schule. Die alten Meister pflegten ihre Jungpferde zunächst vom Boden bereits so weit zu schulen, dass der Reiter später eigentlich nur noch aufsitzen und losreiten durfte. Gerade beim Thema Körperwahrnehmung/Propriozeption und Muskelaufbau können wir so viel Gutes für unsere Pferde tun. Egal ob Zirkuslektionen, Freiarbeit, Longen- oder Handarbeit: Jeder Bereich kann (wenn Lektionen bewusst so eingesetzt werden und biomechanisches Hintergrundwissen vorhanden ist) helfen Muskeln aufzubauen, die Geschicklichkeit und Balance zu fördern und somit letztlich auch das Verletzungs- und Verschleißrisiko zu minimieren. Tatsächlich ist es nicht nötig ein Pferd zu reiten um es gesund zu erhalten.

Nach all diesen Vorteilen bleibt immer noch die Frage:

Was kann ich eigentlich mit meinem Pferd vom Boden aus machen?

Hier kommen nun 6 Ideen, was du in der Bodenarbeit alles mit deinem Pferd machen kannst.
Viel Spaß beim Lesen!

1. Verbesserung eurer Kommunikation

Bodenarbeit

Vielleicht hast du Lust, dich einen Tag lang speziell der Verbeserung eurer Kommunikation zu widmen. Viele Dinge, die vielleicht in anderen Momenten ein Problem darstellen, kannst du bereits über den Aufbau einer guten Kommunikation während der Bodenarbeit lösen. Eine schöne Übung hierzu ist das gemeinsame Wandern. Dazu gehst du mit deinem Pferd entweder am Strick oder frei in der Reitbahn los und achtest darauf, ob ihr es schafft einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Passt sich dein Pferd deinem Tempo an oder überholt es dich? Könnt ihr gemeinsam anhalten, ohne dass es mit der Hinterhand ausschert oder dich mit der Vorhand in die Bahnmitte drängelt? Hält es einen respektvollen Abstand? Suche hier bewusst nach den Momenten, in denen dein Pferd etwas gut macht und lobe es ausgiebig dafür! Denn Pferde können nicht ahnen, was wir wollen sondern müssen es erklärt bekommen. Das klappt am Besten, wenn du jeden Versuch in die richtige Richtung belohnst, denn so verknüpft es das was du willst mit etwas Angenehmen für sich selbst und ihr gewinnt beide.

Achte einmal darauf, was dein Körper macht und welche Reaktionen deine Bewegungen beim Pferd hervorrufen. Vielleicht hast du das Gefühl, dass dich dein Pferd nach innen drängt, doch verlagerst dein Gewicht selbst auf dein inneres Bein und lädst dein Pferd somit ein, ebenfalls sein Gewicht auf die innere Schulter zu bringen. Oder du hältst zu abrupt an, sodass dein Pferd gar nicht anders kann, als dich zu überholen und im Halbkreis um dich herum zu laufen. Je mehr du deine Beobachtungsgabe schulst, desto erfolgreicher und bewusster kannst du deinen Körper in der Kommunikation mit deinem Pferd einsetzen.

Klappen diese Dinge bereits gut, dann drehe jetzt gerne den Spieß um und frage dich: Kann auch ich das Tempo meines Pferdes spiegeln? Halte ich einen für mein Pferd angenehmen Abstand ein? Auf welcher Führposition fühlt mein Pferd sich am wohlsten? Achte hierzu auf den Gesichtsausdruck und die Körpersprache deines Pferdes. Sind seine Augen und Nüstern entspannt und schnaubt es zufrieden, dann seid ihr bereits im Einklang. Sind hingegen Sorgenfalten sichtbar, schlägt es mit dem Schweif oder hapst in deine Richtung, dann darfst du weiter experimentieren, womit dein Pferd sich stattdessen wohl fühlt. Werte diese Reaktionen deines Pferdes nicht als Ungehorsam, sondern verstehe sie als Audruck seiner Bedürfnisse. Auf diese Weise etabliert ihr einen Umgang, der von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt ist und stärkt somit euere Beziehung und das gegenseitige Vertrauen.

2. Spazierengehen

intuition

Spazierengehen an der Hand ist irgendwie nur was für Jungpferde, die man noch nicht reiten kann? Weit gefehlt! Nicht nur aus Gründen der Schonung des Pferderückens kann es sinnvoll sein, neben statt auf dem Pferd die Natur zu erkunden. Es macht nämlich mindestens genauso viel Spaß zusammen mit seinem Pferd die verschiedenen Hindernisse zu bewältigen und dabei seine eigene Fitness zu steigern!

Auf Spaziergängen mit dem Pferd kann die Kommunikation in authentischen Situationen verbessert werden, denn gilt es beispielsweise einen sehr schmalen Pfad zu passieren, dann geht unter Umständen das Pferd auch mal vor dem Menschen und somit gibt man eine Menge an Kontrolle auf – eine vielleicht ungewohnte aber sehr bereichernde Erfahrung. In diesen Momenten kann man seinem Pferd gegenüber wunderbar zum Ausdruck bringen, dass man ihm vertraut und sich auch einmal führen lassen kann. So werdet ihr noch mehr zu einem Team auf Augenhöhe.

Außerdem gibt das Gelände eine Unmenge an propriozeptiven (also Körperwahrnehmung verbessernden) Input, den das Pferd im oftmals eher montonen Stallalltag nicht bekommt. Dies verbessert die Trittsicherheit und kann auch optimal genutzt werden, um Pferde im Aufbau nach längerer Krankheitsphasen wieder in ihrer Tiefenmuskulatur zu stärken.

Nutze die Gegebenheiten des Geländes, um eure Spaziergänge zu Abenteuern zu machen, die das Selbstvertrauen deines Pferdes stärken und eure Beziehung vertiefen. Gruselige Gegenstände sind eine wunderbare Gelegenheit dem Pferd beizubringen, mit seiner Anspannung umzugehen und sich auf diese Gegenstände zuzubewegen. Baumstümpfe können als Podest genutzt werden (Vorsicht: Rutschgefahr bei Nässe!), Äste als Stangen und Hügel zum Klettern.

Eine interessante Lernaufgabe für das Pferd kann es außerdem sein, Lektionen im Gelände abzurufen, die ansonsten nur in einem bestimmten Setting wie der Reitbahn gefragt werden. Hier merken wir schnell, dass die Umgebung einen starken Hinweisreiz darstellen kann und die Pferde eine Übung manchmal fast von vorn lernen müssen, wenn sie diese in einer ungewohnten Umgebung ausführen sollen. Je mehr man die Pferde vor solche Herausforderungen stellt, desto leichter fällt es ihnen jedoch zu generalisieren – die Lektionen also auch in anderen Umgebungen auszuführen.

3. Freiarbeit

Bodenarbeit

Die Freiarbeit ist wunderbar geeignet um zu sehen, wie gut es um eure Kommunikation, Motivation und Beziehung tatsächlich bestellt ist. Lässt man einmal all die Hilfsmittel wie Halfter, Seil und Gerte weg dann bleiben eigentlich nur noch zwei Dinge: Körpersprache und Köpfchen. Mit ersterem können wir ausdrücken was wir uns vom Pferd wünschen und mit zweiterem dem Pferd versuchen klar zu machen, warum es sich lohnt diesen Wunsch auch zu erfüllen. Für viele mag es vielleicht nicht einleuchten, warum es einen Unterschied macht, ob das Pferd nun ein Halfter trägt oder nicht, schließlich hat es die Aufgabe doch verstanden und macht das gerne – oder?

Tatsächlich aber wird man oft vom Gegenteil überrascht. Denn schnell entwickelt das Pferd andere Ideen als man selbst, sobald es merkt dass wir es nicht mehr physisch kontrollieren. Da lockt beispielsweise das leckere Gras am Reitplatzrand, die Bahnmitte ist so verlockend zum gemütlich stehen bleiben oder die Pferde nebenan sind einfach interessanter. An genau diesem Punkt wird es dann spannend: Kannst du Aktivitäten finden, die so überzeugend sind, dass das Pferd sich wirklich dafür entscheidet? Wie kannst du es motivieren, trotzdem mit dir etwas zu unternehmen, obwohl auch andere Dinge reizvoll sind?

4. Zirkuslektionen

Bodenarbeit

Habt ihr eine gute Basis gefunden und ist dein Pferd motiviert bei der Sache, kannst du es auch einmal mit Zirkuslektionen versuchen. Richtig ausgeführt, können diese dazu beitragen, dem Pferd mehr Selbstbewusstsein zu geben und ihm helfen, seinen Körper besser einschätzen zu lernen. Als gute Basislektion bietet sich das Podest an, denn viele Pferde haben einen natürliche Begeisterung für Dinge, auf denen sie erhöht stehen können. Der Blick eines Pferdes, welches sich zum ersten Mal getraut hat, einen Huf auf das Podest zu stellen und schließlich stolz seinen Blick über die Gegend schweifen lässt ist einfach einmalig!

Zur Gymnastizerung besonders geeignet, aber mit Vorsicht und Bedacht zu erarbeiten ist das Kompliment auf beiden Seiten. Doch auch das Ablegen ist eine schöne Lektion, die das Vertrauen fördert und aus dem Wälzen relativ leicht zu erarbeiten ist, da es dem natürlichen Verhaltensrepertoire entspringt. Anspruchsvollere und energiegeladene Lektionen wie das Steigen oder der spanische Schritt sollten wiederum mit Umsicht beigebracht werden. Je nach Charakter des Pferdes und Ausbildungsmethode kann es hier zu emotionalem Stress kommen, mit dem richtig umgegangen werden will. Suche dir dazu einen guten Trainer, der dir bei der Erarbeitung hilft, wenn du dir nicht sicher bist, ob du diese Lektionen erarbeiten kannst, ohne unktrolliertes Steigen, Hufe in die Luft werfen oder emotionale Ausbrüche hervorzurufen. Richtig erarbeitet, geben diese Lektionen dem Pferd aber einen riesigen Schub an Selbstbewusstsein und Ausdruck, der sich auch auf die restliche Arbeit auswirken wird.

5. Gymnastizierende Bodenarbeit

Bodenarbeit

Wie bereits beschrieben ist es möglich sein Pferd alleine durch die Förderung vom Boden aus so weit zu gymnastiziern und zu trainieren, dass es nicht mehr zu diesen Zwecken geritten werden muss. Hierbei kann man grundsätzlich zwischen Longenarbeit und Arbeit an der Hand unterscheiden. Natürlich kann man auch wunderbar in der Freiarbeit gymnastzierende Elemente einbauen, legt man jedoch Wert auf biomechanisch korrekte Abläufe ist es oft ratsam, sich einen gut sitzenden Kappzaum zur Hilfe zu nehmen. Warum ein Kappzaum? Zuerst einmal stört man mit einem Kappzaum das Pferd nicht im empfindlichen Maul, sollte es sich doch einmal ungestüm in die Zügel/Longe werfen. Zum anderen kann man mit dem Kappzaum sehr präzise auf den Schädel des Pferdes einwirken und so korrekte Stellung und letztlich auch Biegung erzeugen.

Eine Trense eignet sich zur gymnastizierenden Bodenarbeit nur, wenn man aus einer Position einwirkt, aus der auch ein Reiter einwirken würde. Longieren sollte man am Gebiss auf keinen Fall, da die seitliche Einwirkung den Unterkiefer nach innen bewegt und so eine korrekte Stellung verhindert.

Empfehlenswert ist die gymnastizerende Bodenarbeit vor allem für fortgeschrittene Pferd-Mensch Paare, da in der Bodenarbeit bereits ein gewisses Grundvokabular und -regeln erarbeitet haben, sodass diese Form des Zusammenseins ein angenehmes Erlebnis werden kann. Als Einstiegsübungen bieten sich hier vor allem das “Lösen-Stellen-Biegen” aus der akademischen Reitkunst an oder das “Führen in Stellung” als Vorbereitung auf die Longenarbeit (der Begriff stammt ursprünglich von Babette Teschen und ihrem Longenkurs). Klappt dies bereits gut und das Pferd hat gelernt, sich auf leichte Impulse hin sanft und durchlässig in eine biomeachanisch korrekte Form bringen zu lassen, besteht der nächste Schritt darin diese Form mit in die Bewegung zu nehmen.

Bewegt man sich auf gebogenen Linien, spielen natürlich Zentrifuglakräfte eine große Rolle und wir Menschen haben die Aufgabe, dem Pferd eine Haltung beizubringen, die es ihm ermöglicht sich verschleißarm auf einem Zirkel, einer Volte oder einfach nur aus der Reitplatzecke heraus zu bewegen. Dazu muss es uns möglich sein, die Schulter und Hinterhand des Pferdes zu beeinflussen. Erst wenn wir beides getrennt voneinander beeinflussen können, können wir das Pferd zusammen mit weiteren Bestandteilen ausbalancieren und ihm so ermöglichen, auf gesunde Weise mit uns über den Platz zu schweben.

6. Der “Du entscheidest”-Tag

Bodenarbeit

Wie wäre es einmal, wenn du dich von deinem Pferd einen Tag lang leiten lassen würdest? Vielleicht hast du Lust dir einen Tag ganz bewusst Zeit zu nehmen und einmal zu schauen, was dein Pferd so für Ideen hat. Vielleicht möchte es mit dir ein bisschen die Umgebung um den Stall herum erkunden, eine kalte Dusche an einem heißen Tag bekommen, bei Wind und Wetter auf dem Reitplatz einmal richtig Dampf ablassen oder einfach nur mit dir zusammen auf dem Paddock entspannen – nichts muss, alles darf. Wir Menschen unterliegen so vielen Einflüssen, besonders durch das Internet. Unablässig sehen wir, was andere Menschen mit ihren Pferden tun und so entsteht in unseren Köpfen ein Bild von “Jeder Tag mit meinem Pferd muss voller aufregender Erlebnisse und Erfolge sein”. Diese Vorstellung kann einen ziemlichen Druck auf uns ausüben und sogar dazu führen, dass wir die Zeit am Stall vor lauter Erwartungen und Ansprüchen sowohl an uns als auch an unsere Pferde gar nicht mehr richtig genießen können.

Nehmen wir uns dagegen bewusst die Zeit und erlauben uns einmal loszulassen und nichts zu erwarten, dann können wir das wahre Wunder des Lebens erfahren: Das kleine oder auch große Glück des Seins im gegenwärtigen Moment. Ein achtsam verbrachter Tag, Seite an Seite mit Nathan am Heu stehend und dem wundervollen malmenden Kaugeräuschen lauschen kann mich viel mehr erfüllen als eine erzwungene Einheit auf dem Reitplatz, nur weil ich dachte “es wäre doch mal wieder Zeit”. Entschleunigen, loslassen und ankommen – Zauberworte für einen glücklichen Alltag nicht nur im Stall sondern auch im sonstigen Leben. Lass dir dabei von deinem Pferd helfen, gib einfach mal das Planen ab und lass dich leiten. Und vielleicht bist du überrascht davon, wie wenig es eigentlich braucht, um miteinander glücklich zu sein.

 

Mit der Anmeldung bestätige ich die Verarbeitung meiner Daten gemäß der Datenschutzerklärung

By signing up I agree to data processing under the terms of our Privacy policy

Recent Posts
Showing 2 comments
  • Marie
    Antworten

    Ach das habt ihr wirklich toll geschrieben!! Danke für euren tollen Beitrag ❤️
    Liebste Grüße an euch aus Bayern von Silas, Leevi und Marie 😘

    • Jana
      Antworten

      Danke für deine liebsten Worte, liebstes Mariechen ♥!

Leave a Comment

0