Basics Bodenarbeit: Über den achtsamen Umgang mit deinen Händen

 In Bewusstes Pferdeleben, Bewusstes Pferdetraining, Persönliche Entwicklung

In diesem Artikel erkläre ich dir

  • wie du deine Hand als Einladung einsetzen kannst
  • mit welcher einfachen Übung du deine Achtsamkeit schulen kannst
  • was die eigentliche Aufgabe deiner Hände ist (Spoiler: Nicht ziehen und zerren!)
  • wie du das Gelernte auch auf das Training mit Ausrüstung übertragen kannst

Viel Freude beim Lesen!

 

Ein Teil unserer Philosophie ist, dass wir Menschen zuerst an uns selbst, an unserer eigenen Wahrnehmung arbeiten sollten, bevor wir daran denken, das Pferd und seinen Körper zu manipulieren. Denn wir neigen schnell dazu, unsere Pferde mit kritischem Blick zu analysieren. Wir versuchen ihre Bewegungen zu “perfektionieren”, während wir vergessen an unserer eigenen Haltung und Sensibilität zu arbeiten.

Als Primaten stehen wir zusätzlich noch vor einer anderen Herausforderung: Unserem Greifreflex. Pferde als Fluchttiere können unserer natürlichen Tendenz, nach Dingen zu greifen und an ihnen zu ziehen, meist nicht so viel abgewinnen. Indem wir diesem Thema Achtsamkeit entgegenbringen, können wir unser gegenseitiges Verständnis weiter vertiefen und unser Wohlwollen ausdrücken.

 

(1) Betrachte deine Hand als Einladung

Bodenarbeit

Erinnere dich immer wieder daran, dass deine Hand nichts weiter als eine Einladung für dein Pferd ist. Dieser Punkt kam mir gleich als erstes in den Kopf, weil mein geliebter Nathan so ein strenger Lehrer bei diesem Thema ist. Wenn ich ihm meine Hand als eine Art Rahmen anbiete, in den er sich hineinbegeben und fühlen darf, was dieser Rahmen in seinem Körper auslöst, dann entscheidet er sich meist sehr schnell dafür dieser Einladung zu folgen. Wenn er aber das Gefühl hat, dass ich meine Hand benutze, um ihn in eine Form zu pressen, dann bleibt er skeptisch auf Entfernung. Für mich steckt dahinter eine wichtige Botschaft:

Eine Hilfe kann dem Pferd nur dann helfen, wenn es darüber entscheiden darf, ob es sie annehmen möchte oder nicht.

Wenn es keine Wahl hat, ist man nicht länger auf der Stufe einer Hilfe, sondern auf der des Zwangs. Wenn du also eine geschulte Hand in der Bodenarbeit entwickeln möchtest, bist du auf ein ehrliches Feedback von Seiten deines Pferdes angewiesen. Wenn das nicht gewährleistet ist, baut alles Weitere auf einer Lüge auf.

 

Einen besonders geeigneten Rahmen, um das ehrliche Feedback deines Pferdes zu bekommen und deine Sensibilität für das Nein des Pferdes zu schulen, bietet die Freiarbeit: Freiarbeit mit Pferden – Freiwilligkeit, Freundschaft & Freiheit.

 

(2) Eine Übung in Achtsamkeit

Bodenarbeit

Die Augen schließen, in die Präsenz des Moments eintauchen. Oder wie Sophie (@sophiessoultales) es so schön ausgedrückt hat:

“Being is not equal to stillness. It is equal to awareness and presence in everything you do.”

Ich liebe diesen Satz deshalb so sehr, weil sie damit ausdrückt, dass Achtsamkeit nicht an einen ruhigen, meditativen Zustand gebunden ist. Vielmehr kann sie sogar in den wildesten Formen der Bodenarbeit, im Galopp, im Trab und sogar für dich alleine geübt werden.

 

In diesem Artikel schreibt Anni über den Zauber der Entschleunigung und Achtsamkeit. Folge einfach diesem Link, wenn du mehr darüber lesen möchtest: Warum ich langsame Fortschritte liebe.

 

Du kannst dich auch in deinem Alltag in Achtsamkeit üben, während du im Bett liegst, während du mit deinen Fingern den Bildschirm berührst oder die Tasten drückst. Denn es gibt keinen “richtigen” Weg, seine Hände zu schulen.

Ich persönlich nehme mir gerne die “10-Atemzüge-Übung” vor: Innerhalb von 10 ruhigen Atemzügen versuche ich nach und nach in meinen Körper zu spüren zu sehen, wo ich überall in Kontakt mit der Außenwelt bin. Wo ist mein Schwerpunkt? Wie fühlen sich meine Gelenke an? Wie bin ich ausgerichtet?

Wenn du mit deinem Pferd verbunden bist, dann ist die Achtsamkeit die Brücke zwischen euch. Sieh dir noch einmal das Foto oben an: Du kannst darauf sehen, was ich meine, wenn ich davon spreche, wirklich präsent und wirklich aufeinander eingestimmt zu sein. Sensorische und mentale Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Hier und Jetzt, zu dir selbst und schließlich auch zu deinem Pferd.

 

(3) Es geht vielmehr darum zu empfangen, als zu senden

Bodenarbeit

Wenn ich über das Schulen der Achtsamkeit für meine Hände spreche, dann denke ich nicht daran, in welchem Winkel und mit wie viel Druck ich die Finger an den Kappzaum lege um die gewünschte Reaktion zu produzieren. Was ich stattdessen meine, ist eine demütigere Form der Sensibilität. Ich sehe mich als Schüler und Entdecker des Pferdes.

 

In diesem Beitrag schreibt Anni darüber, wie wir auch im Clickertraining zurück vom Denken ins Fühlen finden können: Fühlen und Denken im Clickertraining.

 

Meine Hände sind eine offene Tür, durch die Empfindungen hindurchfließen und mit einem liebenden Blick empfangen werden. Diese Empfindungen sind entscheidend, sie sind für mich sogar bedeutender als Wissen. Denn rationales Denken kann im Nachhinein entwickelt und mit Gefühlen verknüpft werden – aber die Schulung der Wahrnehmung muss stets vorausgehen.

Entscheidend ist es, den einströmenden Empfindungen nicht mit Angst oder dem Drang zur Veränderung zu begegnen, sondern mit Liebe und Neugier.

Nur von dieser Warte aus sollten wir anfangen darüber nachzudenken, was wir mit unseren Händen tun können, um Körper und Geist des Pferdes zu helfen.

 

(4) Achtsam mit Ausrüstung arbeiten

Diesen Punkt finde ich sehr wichtig, wenn es darum geht mit Ausrüstung zu arbeiten:

Je mehr Werkzeuge uns zur Verfügung stehen, desto eher werden wir dazu verleitet, diese auch zu benutzen. Es kann leichter passieren, dass wir dadurch die Stimme und Meinung des Pferdes überhören.

Das Equipment ist der Spiegel unserer Intention.

Zuallererst bedeutet es für mich, dass ich es nicht als selbstverständlich erachte, dass unsere Pferde Kappzaum, Halfter und Strick tragen. Wir können damit einen ihrer sensibelsten Körperteile kontrollieren und daher sollten wir absolut rücksichtsvoll mit dieser Macht umgehen und sie niemals gegen die Pferde verwenden.

Wenn Nathan mir also genug vertraut, dass ich ihm Kappzaum und Strick anlegen darf, dann möchte ich sicherstellen, dass ich diese Ausrüstung auf eine beziehungsstärkende Weise einsetze.

Das Seil ist kein Mittel zur Kontrolle, sondern die physische Verlängerung unserer mentalen und emotionalen Verbindung.

Ich möchte die Ausrüstung in einer Weise benutzen, die unsere Beziehung stärkt.

Wenn meine Intentionen liebevoll sind, dann wird das Equipment mich darin unterstützen. Wenn meine Intentionen darauf abzielen, das Pferd zu kontrollieren oder zu zwingen, dann kann das Equipment mich auch darin unterstützen. Es entscheidet also nicht die Ausrüstung darüber, wie sie sich auf die Beziehung zu deinem Pferd auswirkt, sondern die Intention dahinter.

Daher möchte ich dir ans Herz legen, dir zuerst deine Intentionen zu vergegenwärtigen und erst dann deine Hände durch die Beziehung zu deinem Pferd leiten zu lassen.

 

Zum Weiterstöbern:

Einen achtsamen Ansatz zum Umgang mit Widersetzlichkeiten bei Alltagsaufgaben findest du hier: Wenn Pferde nicht wollen: Widersetzlichkeiten bei Alltagsaufgaben.

Unsere Achtsamkeit stärken wir auch, wenn wir uns bewusst mit den grundlegendsten Fragen unseres täglichen Tuns auseinandersetzen: Die goldene Regel – Was dürfen wir tun?

 

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