Basics Bodenarbeit: Über den achtsamen Umgang mit deinen Händen

 In Persönliche Entwicklung, Pferdetraining

Eine der wichtigsten Grundlagen der Bodenarbeit ist die Kommunikation und das Entwickeln von gegenseitigem Verständnis. Für mich sollte diese Entwicklung beidseitig ablaufen, doch der Anfang liegt in uns selbst. Achtsamkeit in den eigenen Händen zu entwickeln ist für mich ein sehr wichtiger Teil dieses Prozesses.

Es beschreibt die Kunst, mithilfe der Hände sehen zu können.

Ein Teil unserer Philosophie ist, dass wir Menschen zuerst an uns selbst, an unserer eigenen Wahrnehmung arbeiten sollten, bevor wir daran denken, das Pferd und seinen Körper zu manipulieren. Denn wir neigen schnell dazu, unsere Pferde mit kritischem Blick zu analysieren. Wir versuchen ihre Bewegungen zu “perfektionieren”, während wir vergessen an unserer eigenen Haltung und Sensibilität zu arbeiten.

Als Primaten stehen wir zusätzlich noch vor einer anderen Herausforderung: Unserem Greifreflex. Pferde als Fluchttiere können unserer natürlichen Tendenz, nach Dingen zu greifen und an ihnen zu ziehen, meist nicht so viel abgewinnen. Indem wir diesem Thema Achtsamkeit entgegenbringen, können wir unser gegenseitiges Verständnis weiter vertiefen und unser Wohlwollen ausdrücken.

Daher habe ich hier einige Punkt aufgelistet, die dir als kleine Inspiration dienen können, um die Achtsamkeit deiner Hände weiter zu vertiefen. Dabei ist es egal, ob du Bodenarbeit vor allem in der Form von Freiarbeit praktizierst oder ob du lieber mit Ausrüstung arbeitest.

 

(1) Betrachte deine Hand als Einladung

Bodenarbeit

Erinnere dich immer wieder daran, dass deine Hand nichts weiter als eine Einladung für dein Pferd ist. Dieser Punkt kam mir gleich als erstes in den Kopf, weil mein geliebter Nathan so ein strenger Lehrer bei diesem Thema ist. Wenn ich ihm meine Hand als eine Art Rahmen anbiete, in den er sich hineinbegeben und fühlen darf was dieser Rahmen in seinem Körper auslöst, dann entscheidet er sich meist sehr schnell dafür dieser Einladung zu folgen. Wenn er aber das Gefühl hat, dass ich meine Hand benutze um ihn in eine Form zu pressen, dann bleibt er skeptisch auf Entfernung. Für mich steckt dahinter eine wichtige Botschaft:

Eine Hilfe kann dem Pferd nur dann helfen, wenn es darüber entscheiden darf, ob es sie annehmen möchte oder nicht.

Wenn es keine Wahl hat, ist man nicht länger auf der Stufe einer Hilfe sondern auf der des Zwangs. Wenn du also eine geschulte Hand in der Bodenarbeit entwickeln möchtest, bist du auf ein ehrliches Feedback von Seiten deines Pferdes angewiesen. Wenn das nicht gewährleistet ist, baut alles Weitere auf einer Lüge auf.

 

(2) Übe dich in Achtsamkeit

Bodenarbeit

Die Augen schließen, in die Präsenz des Moments eintauchen. Oder wie Sophie (@sophieshorsetales) es so schön ausgedrückt hat: “Being is not equal to stillness. It is equal to awareness and presence in everything you do”. Ich liebe diesen Satz deshalb so sehr, weil sie damit ausdrückt, dass Achtsamkeit nicht an einen ruhigen, meditativen Zustand gebunden ist . Vielmehr kann sie sogar in den wildesten Formen der Bodenarbeit, im Galopp, im Trab und sogar für dich alleine geübt werden. Du kannst dich auch in deinem Alltag in Achtsamkeit üben, während du im Bett liegst, während du mit deinen Fingern den Bildschirm berührst oder die Tasten drückst. Denn es gibt keinen “richtigen” Weg, seine Hände zu schulen.

Das einzige Ziel ist Achtsamkeit zu schulen.

Wenn du mit deinem Pferd verbunden bist, dann ist die Achtsamkeit die Brücke zwischen euch. Sieh dir noch einmal das Foto oben an: Du kannst darauf sehen, was ich meine, wenn ich über präsent und wirklich aufeinander eingestimmt sein spreche. Sensorische und mentale Achtsamkeit ist der Schlüssel zum Hier und Jetzt, zu dir selbst und schließlich auch zu deinem Pferd.

 

(3) Es geht vielmehr darum zu empfangen, als zu senden

Bodenarbeit

Wenn ich über das Schulen der Achtsamkeit für meine Hände spreche, dann denke ich nicht daran in welchem Winkel und mit wie viel Druck ich die Finger an den Kappzaum lege um die gewünschte Reaktion zu produzieren. Was ich stattdessen meine, ist eine demütigere Form der Sensibilität. Ich sehe mich als Schüler und Entdecker des Pferdes. Meine Hände sind eine offene Tür, durch die Empfindungen hindurchfließen und mit einem liebenden Blick empfangen werden. Diese Empfindungen sind entscheidend, sie sind für mich sogar bedeutender als Wissen. Denn rationales Denken kann im Nachhinein entwickelt und mit Gefühlen verknüpft werden – aber die Schulung der Wahrnehmung muss stets vorausgehen.

Entscheidend ist es, den einströmenden Empfindungen nicht mit Angst oder dem Drang zur Veränderung zu begegnen, sondern mit Liebe und Neugier.

Nur von dieser Warte aus sollten wir anfangen darüber nachzudenken, was wir mit unseren Händen *tun* können, um Körper und Geist des Pferdes zu helfen.

 

(4) Mit Ausrüstung arbeiten

Bodenarbeit

Diesen Tipp finde ich sehr wichtig, wenn es darum geht mit Ausrüstung zu arbeiten. Je mehr Werkzeuge uns zur Verfügung stehen, desto eher werden wir dazu verführt diese auch zu benutzen. Es kann leichter passieren, dass wir dadurch die Stimme und Meinung des Pferdes überhören. Um das zu verhindern, finde ich es sehr wertvoll Intentionen zu setzen. Eine dieser leitenden Intention ist folgende:

Das Equipment ist der Spiegel unserer Beziehung.

Was bedeutet das?

Zuallererst bedeutet es für mich, dass ich es nicht als selbstverständlich erachte, dass unsere Pferde Kappzaum, Halfter und Strick tragen. Wir können damit einen ihrer sensibelsten Körperteile kontrollieren und daher sollten wir absolut rücksichtsvoll mit dieser Macht umgehen und sie niemals gegen die Pferde verwenden. Wenn Nathan mir also genug vertraut, dass ich ihm Kappzaum und Strick anlegen darf, dann möchte ich sicherstellen, dass ich diese Ausrüstung auf eine beziehungsstärkende Weise einsetze.

Das Seil ist nicht ein Mittel zur Kontrolle, sondern die physische Verlängerung unserer mentalen und emotionalen Verbindung. Ich würde niemals meine Emotionen oder Gedanken gegen Nathan richten. Warum sollte ich dann beispielsweise das Seil gegen Nathan richten? Wenn er sich dazu entscheidet, in eine andere Richtung zu gehen, dann gewähre ich ihm das. Wenn er nicht weitergehen kann oder möchte, dann akzeptiere ich das. Wenn meine Hände die Information erhalten, dass er sich gerade nicht wohl genug fühlt um eine Bewegung zu probieren: Dann betrachte ich dies als wertvolle Information.

Ich möchte die Ausrüstung in einer Weise benutzen, die unsere Beziehung stärkt.

Wenn meine Intentionen aufrichtig und liebevoll sind, dann wird das Equipment mich darin unterstützen. Wenn meine Intentionen darauf abzielen, das Pferd zu kontrollieren oder zu zwingen, dann kann das Equipment mich auch darin untersützen. Es entscheidet also nicht die Ausrüstung darüber, wie es sich auf die Beziehung zu deinem Pferd auswirkt, sondern die Intention dahinter. Daher möchte ich dir ans Herz legen, dir zuerst deine Intentionen zu vergegenwärtigen und erst dann deine Hände durch die Beziehung zu deinem Pferd leiten zu lassen.

Ich hoffe, du fandest einige dieser Tipps hilfreich. Ich freue mich auch sehr über einen Kommentar mit deinen eigenen Gedanken zu dem Thema ♥.

PS: Mandy Lome hat auch über dieses Thema geschrieben, also schau gerne auch einmal bei ihr vorbei!

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