Basics Clickertraining: Höflichkeit und Futterlob

 In Clicker Training, Pferdetraining, Problemlösung

Wenn Pferde gierig an Jackentaschen knabbern, den Menschen bedrängen und ihn mit vorgeschobener Rüsselnase durchs Paddock verfolgen, dann weiß man: Es ist an der Zeit für Höflichkeitstraining in Bezug auf Futterlob.

Höflichkeit und Futterlob

Futterlob kann eine wunderbare Brücke zwischen unseren Wünschen und denen des Pferdes schaffen und ein schöner Übermittler eines authentischen “Das hast du toll gemacht!” sein. Leider kursieren aber gerade in Bezug auf den Einsatz von Leckerlies oft sehr viele Vorurteile und Probleme entstehen. Auch die Frage: “Soll ich meinem Pferd Leckerlies aus der Hand füttern, Ja oder Nein?” ist eine weitreichende Entscheidung, die Pferdebesitzer verunsichert.

Die Unsicherheit sowie landläufige Missverständnisse führen dann oft dazu, dass Futterlob an sich als schlecht eingestuft und aus dem Training verbannt wird. In diesem Blogbeitrag möchte ich mit den Vorurteilen aufräumen und dir Lösungsstrategien für häufige Probleme aufzeigen.

Ist die Reaktion auf Futterlob angeboren?

Nur allzu gerne wird dieses Verhalten auf den speziellen Charakter des Pferde geschoben. Ein Pferd aus der Hand zu füttern wird dann als Tabu abgestempelt mit den Worten: “Mein Pferd ist total aufdringlich/ verfressen! Dem kann man einfach keine Leckerlies geben.” Als wäre der Umgang mit Futterlob in der DNA eines Pferdes festgeschrieben. In Wahrheit ist es jedoch so, dass in jedem Pferd die Möglichkeit vorhanden ist, achtsam und vorsichtig mit Futter umzugehen: Es nennt sich “Lernen” 😉 .

Jedes Pferd kann lernen. Und jedes Pferd kann folglich auch lernen, gewisse Regeln einzuhalten.

Das hat nichts mit Charakter oder Dominanz zu tun, sondern in den allermeisten Fällen (traumatische Erfahrungen mit Futter einmal ausgenommen) ist die Ursache für ein unhöfliches Verhalten beim Einsatz von Futterlob eine mangelnde Vorbereitung und Regelerklärung; und somit hausgemacht.

Warum sollte ein Pferd lernen, sich in Bezug auf Futterlob höflich zu verhalten?

Nicht nur im Umgang mit seinen eigenen Menschen – gerade auch im Umgang mit mehreren Bezugspersonen, ist Futtererziehung immer ein großer Pluspunkt für die Lebenskompetenz in der von Menschen geprägten Welt. Der Grund ist ganz einfach: Selbst wenn kein Futterlob im Training verwendet werden soll, dann kommt es in fast allen Fällen trotzdem im Alltag ab und an zu Futtergaben. Hat das Pferd bis zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Regeln für den höflichen Umgang mit Futter erlernt, dann bringt es sich selbst und andere in eine unschöne Situation.

Ein höfliches Pferd hat es leichter.

Im Clickertraining taucht häufig das Problem auf, dass viele Pferde zu Anfang in eine Art hysterischen Rausch verfallen – gerade wenn zuvor jahrelang Leckerlies systematisch aus dem Training und allgemeinen Umgang verbannt waren.

Für die Pferde ist es wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern gleichzeitig – für so manch überforderten Pferdebesitzer eher ein Indiz, die Leckerlies schnell wieder wegzulassen.

Höflichkeit und Futterlob

Spätestens wenn das Pferd immer wilder mit Lektionen und Verhalten um sich wirft, erhalten viele Besitzer von Stallkollegen den gut gemeinten Hinweis, sie sollten doch mit den Leckerlies baldigst wieder aufhören, da sie ihr Pferd sonst zu einem (dominanten/ gefährlichen/ unkontrollierbaren…) Cookiemonster verzögen. Wird dann aus der Not heraus mit (unfairer, das Verhalten ist ja hausgemacht) Strafe reagiert, beginnt meist bereits ein Teufelskreis. Das Pferd verknüpft Futter mit etwas unangenehmen, der Mensch reagiert und straft meist schneller, da er Angst um seine Sicherheit hat und so spitzt sich die Situation häufig unschön zu.

Dabei legen aktuelle Forschungsergebnisse nahe, dass Futterlob als Verstärker extrem wirkungsvoll ist. Im Vergleich zum Kraullob schneidet das Futterlob weitaus besser ab in Bezug auf die Motivationswirkung und ist im gezielten Handling für einige Aufgaben auch deutlich praktischer. Auf es verzichten zu müssen, wäre also nicht nur schade sondern auch höchst unpraktisch.

Spannend ist es, die Balance zwischen den Vorteilen des Futters auf der einen und Entspannung sowie mentaler Losgelassenheit des Pferdes auf der anderen Seite zu finden.

Höflichkeit und Achtsamkeit

Bevor wir uns nun an die praktische Umsetzung begeben, möchte ich noch eine sehr wichtige Sache betonen: Höflichkeit ist keine Einbahnstraße.
Auch wir Menschen sollten in dem Zuge, in dem wir überlegen, wie wir unserem Pferd gewisse Regeln verständlich machen können, darüber nachdenken, welche Regeln WIR im Gegenzug beachten sollten. Dazu gehört für mich, dass wir als Menschen stets darauf achten, das Futterlob niemals manipulativ gegen den Willen des Pferdes zu benutzen (indem wir z.B. eine Banane an ein hungriges Pferd verfüttern um es zu Höchstleistungen anzutreiben) und auch, dass wir uns als Faktor in der Gleichung “Achtsames Miteinander” sehen. Das bedeutet, dass wir durch unser Verhalten, vor allem durch unsere Körpersprache, sehr viel Stress reduzieren und so dem Pferd höfliches Verhalten erleichtern können. Zum Beispiel das ungefragte Eindringen in den sensiblen Gesichtsbereich ist bei mir manchmal noch ein Thema, welches bei Nathan großen Stress erzeugt und unhöfliches Verhalten regelrecht provoziert. Ich nehme daher auch meine eigenen Handlungen sehr wichtig und reflektiere diese, um zu zeigen, dass ich ebenfalls bemüht bin ein höflicher Mensch zu sein. Mein Grundsatz lautet:

Finde das, was du in deinem Gegenüber suchst, zuerst in dir.

Hilfe, mein Pferd beißt.

Praktisches zur Höflichkeit:

Grundbedürfnisse müssen gestillt sein
Um die Sache nicht für beide Parteien unnötig schwer zu machen, ist es essentiell mit einem satten und ausgeglichenen Pferd zu trainieren. Das bedeutet, am besten eignet es sich zu trainieren, wenn das Pferd gerade erst sein Heu hatte und gesättigt ist. Futterstress ist im Training grundsätzlich durch geeignete Leckerlies zu vermeiden (möglichst niedrigwertig, aber gerade so lecker dass sie einen Anreiz bieten). So kann bereits im Vorfeld ein großer Teil des Stress verhindert werden, ohne überhaupt trainiert zu haben.

Markersignal verwenden
Am klarsten und einfachsten für Pferd und Mensch ist es, wenn wir ein Markersignal für das Belohnen eines speziellen Moments benutzen. Der Sinn eines Markersignals ist es, eine Brücke zwischen dem gewünschten Verhalten und dem Füttern des Leckerlies zu bauen bzw. eine Belohnung anzukündigen. Durch das Markersignal können wir ganz präzise ein Verhalten markieren und haben dadurch einen kleinen Zeitvorsprung gegenüber dem Füttern ohne Markersignal. Würden wir den Marker weglassen, würde erst der Griff in die Futtertasche eine Belohnung ankündigen – meistens greifen wir Menschen aber erst in die Tasche wenn das Verhalten bzw. der Moment bereits vorbei ist → somit markieren wir den falschen Moment. Als Markersignal eignet sich entweder ein mechanischer Clicker/Knackfrosch oder (wenn man die Hände frei haben möchte) ein Schnalzgeräusch mit der Zunge.

Welche Position verstärken? Nullposition
Die aus meiner Sicht beste Position zum verstärken der Höflichkeit hat folgende Merkmale: Das Pferd hat alle 4 Hufe auf dem Boden stehen und der Kopf zeigt geradeaus auf Höhe des Buggelenks. Warum soll das Pferd nicht den Kopf zur Seite drehen? Viele Menschen bringen dem Pferd “Höflichkeit” bei und verstehen darunter, dass das Pferd extrem seinen Kopf zur Seite nimmt und dann auf sein Leckerlie wartet. Ich persönlich finde das aus verschiedenen Gründen nicht empfehlenswert. Zum Beispiel lernt das Pferd in Anwesenheit des Menschen so eine Art Vermeidungshaltung einzunehmen, anstatt tatsächlich entspannter zu werden. Oft sieht man, dass die Pferde hektisch ihren Kopf zur Seite nehmen und so arg “höflich” sein wollen, um endlich ein Leckerlie zu bekommen, dass die Lektion häufig ihren Sinn verfehlt.

Höflichkeit ist kein aktives Tun, es ist von Natur aus passiv. Daher wäre eine aktive Handlung eher kontraproduktiv, um die gewünschte Entspannung zu erhalten.

Außerdem ist die höfliche Nullposition, wie oben bereits erwähnt, ein wichtiger Ausgangspunkt für weitere Lektionen und sollte mit der Zeit als deren Basis dienen. Tatsächlich möchte man aber für nur sehr wenige Verhaltensweisen als Basis ein (zumeist) völlig verstelltes und verbogenes Pferd haben. Sinnvoller ist es, das Pferd in eine Position zu bringen, von der aus es möglichst bequem in alle Richtung agieren kann. Interessiert dich das Thema tiefergehend? Marlitt Wendt hat dazu auf ihrem wunderbaren Blog einen ganz tollen Artikel geschrieben. Natürlich bist du frei, das selbst zu entscheiden. Überlege dir allerdings zuvor bewusst, was du gerne als Basis für weiteres Verhalten hättest.

Das große Thema: Entspannung
Was bei all den technisch-praktischen Aspekten bezüglich des Höflichkeitstrainings nicht vergessen werden sollte, ist die Entspannung. Es ist ein großer Unterschied zwischen einem Pferd, das zwar gelernt hat, den Menschen nicht zu bedrängen, aber immer noch mental auf permanenter Suche nach den Leckerchen ist und einem Pferd, das gelernt hat sich ehrlich zu entspannen und auch mental loszulassen. Hier befinden wir uns in einem Spannungsfeld, schließlich werden die Leckerchen in der positiven Verstärkung ja gerade wegen ihres Anreizes eingesetzt.

Es liegt also in der Natur der Dinge, dass die Pferde aktiv nachdenken, wodurch sie sich das begehrte Futterlob verdienen können.

Jedoch ist es unsere Aufgabe, dieses Nachdenken zumindest regulieren zu können, indem wir bewusst eine ehrliche Entspannung fördern und eine Balance zwischen Tun und Sein anstreben. Bis vor gar nicht so langer Zeit war das auch genau unser Thema mit Nathan. Auf der Reise hin zu echter Entspannung auch in Anwesenheit von Leckerchen haben wir gemerkt, dass es sehr viele unterschiedliche Wege dorthin gibt und das gesamte Thema sehr viel komplexer ist, als es von außen vielleicht erscheint. Daher möchte ich an dieser Stelle nicht die komplette Geschichte erzählen, da diese den Rahmen eines Blogposts eindeutig sprengen würde. Als Stichworte kann ich aber die eigene Entspannung und Erdung, das klassische Konditionieren, die Veränderung der eigenen Gedanken und Körperhaltung sowie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Tun und Sein nennen. (Wenn dich das Thema interessiert, dann hinterlasse gerne einen kurzen Kommentar, damit wir planen können ob ein Blogpost darüber vielleicht für einige interessant wäre).

Dauer aufbauen
Als letzten Punkt möchte ich auf den Ausbau der Dauer eingehen. Denn natürlich möchten wir auf Dauer nicht nach einer Sekunde höflichen Verhaltens direkt clicken und belohnen. Langfristig ist ein zeitlich ausgebautes Verhalten für Pferd und Mensch entspannter. Dies geschieht durch eine relativ simple Technik: Jedes Verhalten unterliegt einer natürlichen Varianz. Nehmen wir ein Pferd, welches es schon schafft 3 Sekunden lang entspannt in der Nullposition zu bleiben. Es wird aber nicht bei jeder Anfrage exakt 3 Sekunden in der Nullposition bleiben, sondern mal wird es vielleicht schon nach 2,6 Sekunden unruhig und mal wird es auch 4,2 Sekunden entspannt bleiben können. Wir als Menschen können uns genau diese Varianz zunutze machen.

Indem wir langsam unser Kriterium steigern, bauen wir Dauer auf. Dabei ist es wichtig, stets die Balance zwischen Anforderung und Machbarkeit zu halten um unschönen Frust zu vermeiden. Wie sieht das konkret aus? Bei einer gegebenen Verhaltensvarianz belohnen wir die schlechtesten 10% des Verhaltens nicht mehr und verschieben somit das Verhaltensspektrum in Richtung der besseren 90%. Selbstverständlich kann man das Prinzip auch abwandeln, zum Beispiel die schlechtesten 30% nicht belohnen und somit nur noch die besten 70%.

Je nach Lerntyp des Pferdes, Auffassungsgabe und Umweltreize kann man dieses Schema flexibel anpassen – ein cleveres Pferd würde vielleicht bei der 10/90 Methode eher unterfordert sein und sich dann interessantere Dinge einfallen lassen. Die Fehlerquote würde somit steigen. Daher ist es sehr wichtig, sein Pferd richtig einschätzen zu können und individuell zu überlegen, ob und wann es Sinn macht in kleineren oder größeren Schritten vorzugehen.

Das waren die wichtigsten Tipps für die Höflichkeit in Bezug auf Futterlob. Falls du gerne einmal in der Praxis anhand unterschiedlich erfahrener Pferde sehen würdest, wie das Höflichkeitstraining genutzt und aufgebaut werden kann, dann laden wir dich herzlich zu unserem Tageskurs am 25. August in der Nähe von Chemnitz ein. Neben der Höflichkeit werden wir uns auch mit der Beziehungsebene sowie mit Alltagstraining und Bodenarbeit mit positiver Verstärkung beschäftigen. Falls du Lust hast, kannst du dich direkt auf der Seite anmelden 🙂 .

Zum Weiterstöbern:

Du denkst Clickertraining ist mechanisch und ohne Gefühl? Hier erzählt Anni dir etwas über das Denken und Fühlen im Clickertraining.

Falls dein Pferd beißt und du denkst, das Futter ist daran schuld, dann könnte dieser Artikel für dich hilfreich sein.

Du bist jetzt ganz begeistert, weil du endlich weißt, wie du Futterlob motivierend und stressfrei einsetzen kannst? Dann sind vielleicht diese Anregungen für dich interessant: 6 Ideen für die Bodenarbeit mit deinem Pferd.

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