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“Das Pferd ist dein Spiegel” – Wie diese Überzeugung der Beziehung zu deinem Pferd schadet

 
 
Sie sind sensible Wesen und feine Beobachter – deswegen gelten Pferde als Meister im Spiegeln. Du kennst sicher das Sprichwort: “Das Pferd ist dein Spiegel” – und manchmal im Anhang noch: “Es wird dir nicht immer gefallen, was du siehst, wenn du hineinblickst.”

Glaubst du, dass dieser Satz viel Wahrheit enthält und jeder bewusste Pferdemensch ihn sich zu Herzen nehmen sollte? Dann aufgepasst.

Denn Aussagen wie diese können eine schädliche Dynamik anstoßen, die besonders sensible Seelen enorm unter Druck setzen kann.

Damit du sie verstehen und dich auf gesunde Weise davon abgrenzen kannst, hinterfragen wir heute, wie viel Verhalten deines Pferdes wirklich nur ein Abbild von dir ist.
 
 

Das Pferd als Spiegel des Menschen – So positiv wie es klingt?

Zunächst einmal vorab: Ich mag die Aussage und stimme ihr in vielen Aspekten zu. Aber sie braucht dringend eine Einordnung.

Was kann die Mentalität von “Das Pferd ist dein Spiegel” Gutes in dein Bewusstsein bringen?

Nehmen wir an, dein Pferd ist wirklich dein Spiegel – dann bringt das unweigerlich die Erkenntnis, dass dein Einfluss auf das Verhalten deines Pferdes enorm ist. Größer, als du vielleicht denkst.

Aber ist das auch so?

Schon eine minimale Gewichtsverlagerung kann dazu führen, dass dein Pferd “ständig nach innen fällt”. Die festgehaltene Atmung bringt ein sensibles Pferd dazu, mit hörbaren Schlauchgeräuschen zu traben. Deine eigene innere Ausrichtung auf Leichtigkeit und Freude kann dazu führen, dass ein ansonsten wenig lauffreudige Pferd auf einmal mit dir durch die Reitbahn schwebt.

Was nach Magie klingt, ist eine Wechselwirkung zwischen zwei hoch sozialen Wesen. Pferden wie Menschen wurde der Wunsch nach harmonischer Gemeinschaft in die Wiege gelegt. Das Spiegeln dient dem synchronisierten Gleichklang, das zu einem wohligen Gefühl der Verbundenheit führt – ein Zustand, den beide Seiten gerne mögen.

Daher könnten wir sagen: Ja, es ist wahr. Du hast einen großen Einfluss darauf, wie dein Pferd sich verhält. Und der Satz “Das Pferd ist dein Spiegel” erinnert daran, sich selbst als Faktor wahrzunehmen.

Doch leider endet der Einfluss dieses Satzes nicht an dieser Stelle.In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, dass Pferdemenschen Folgendes ableiten:

⇢ Alles, was das Pferd macht, ist eine Spiegelung des eigenen Selbst.

⇢ Jedes Verhalten, jede Krankheit, jedes Problem liegt im Menschen begründet.

Diese Annahme ist aus vielen Gründen falsch und sogar schädlich.
 
 

Dein Pferd ist dein Spiegel – Bist du also alles schuld?

Betrachten wir es rechnerisch:

Eine Beziehung zwischen zwei Wesen besteht aus zwei Anteilen. Jeder Partner hat jeweils 50% Einfluss auf die Beziehung.

Was tun empathische und harmoniesuchende Menschen jedoch? Sie verhalten sich so, als könnten sie mehr als ihre 50% beeinflussen. Indem sie versuchen, auch für den Teil ihres Gegenübers Verantwortung zu übernehmen.

Fühlst du dich verantwortlich, wenn dein Pferd schlechte Laune hat? Denkst du sofort, dass du etwas falsch gemacht hast, wenn jemand unfreundlich zu dir ist? Glaubst du, dass du dich nur genug anstrengen musst, damit dein Pferd sich so verhält, wie du es dir wünschst (dir entgegenbrummelt, hochmotiviert ist…)?

Dann versuchst du vermutlich, mehr als deine 50% Verantwortung für deine Beziehungen zu tragen.

Was macht der Satz: “Das Pferd ist dein Spiegel” nun unter diesem Aspekt mit einem solchen Menschen? Wie wirkt sich der Glaube: “Das Pferd ist dein Spiegel” in diesem Fall aus?

Richtig. Er verstärkt genau diese Tendenz noch weiter. Er impliziert, die Verantwortung läge zu 100% beim Menschen.
 

Wenn du nur bei dir suchst, wirst du die Schuld auch bei dir (er)finden. Wenn du lange genug hinstarrst, wirst du sehen: Jedes Problem, das dein Pferd hat, liegt an DIR.

 

  • Mein Pferd schaut traurig? Oh je, ich bringe zu viel emotionalen Ballast mit.
  • Das Pferd hat keine Lust zu laufen? Ich bin dafür verantwortlich, weil ich immer so viel Erwartungsdruck habe.
  • Es bleibt im Gelände immer wieder stehen und will nicht weitergehen? Das ist ein Sinnbild dafür, dass ich selbst in meinem Leben nicht weiterkomme.

 
Diese Sätze sind nicht ausgedacht, sondern haben wir so oder ähnlich schon viele Male in unserer Arbeit gehört. Und ja, der Grat ist schmal, denn natürlich darf und sollte man seinen eigenen Einfluss reflektieren.

Aber so fließend die Grenzen auch sind, so klar möchte ich eines machen:
 

Niemand kann und sollte auf Dauer 100% der Verantwortung für eine Beziehung tragen müssen.

 
Drehen sich die Gedanken irgendwann NUR noch um uns selbst, endet spätestens hier die gesunde Selbstreflexion und geht über in destruktive Selbstbeschuldigung.

Der Glaube: “Ich bin das Problem.” ist es, der selbstkritischen Menschen den letzten Schubs in einen ungesunden Umgang mit Verantwortung und Sorge gibt.

Übertriebene Sorgen, Grübeln und negative Emotionen rund um das Wohlbefinden des Pferdes entstehen nicht zufällig – sie können durch Glaubenssätze wie “Das Pferd ist dein Spiegel” entstehen und verstärkt werden.

Es ist nicht “normal”, dass man am Stall nur noch überlegt, was man gerade alles falsch macht, wie man dem Pferd schadet oder was man noch alles tun muss, damit das Pferd zufrieden und glücklich ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass man dadurch die eigentliche Ursache oft übersieht:
 

  • Dass der traurige Gesichtsausdruck ein Überbleibsel der Schulpferdevergangenheit ist.
  • Dass das Pferd nicht laufen will, weil ihm die Freude an Bewegung im Laufe seines Lebens genommen wurde.
  • Dass es im Gelände immer stehen bleibt, weil es selbst unsicher ist.

 
Die Schuld nur noch bei dir zu suchen, vergiftet die gesunde Balance zwischen Eigenverantwortung und Abgrenzung.

Und zwar AUCH für dein Pferd.
 
 

“Dein Pferd ist dein Spiegel” – Wie sich diese Sichtweise negativ auf dein Pferd auswirkt

Auch für dein Pferd verwischt durch die Sichtweise “das Pferd ist dein Spiegel” die Grenze zwischen sich und dem Menschen immer mehr.

Denn was lässt sich daraus ableiten?

“Das Pferd ist da, um dem Menschen seine Lebensaufgabe zu zeigen” oder “um den Menschen in seiner Entwicklung voranzubringen”. Und wieder führt das Pferde ein Leben, das dem Menschen dient – in seiner persönlichen Entwicklung.

So spirituell das auch klingen mag – was bedeutet das für das Pferd?

Das bedeutet, ihm wird vom Menschen eine Rolle zugewiesen, die es erfüllen soll. Diesmal nicht als Reitpferd, sondern als weiser Seelengefährte und Personal Coach.

Die Grenzen zwischen sich selbst und dem Menschen verschwinden immer mehr. Pferde haben eigene Bedürfnisse. Eine eigene Persönlichkeit. Eigene Vorlieben und Abneigungen. All das tritt in den Hintergrund, wenn wir die Ursache für jedes Verhalten des Pferdes in uns selbst suchen.

Ich finde diese Sichtweise, wenn sie im Extrem gelebt wird, dem Pferd gegenüber ziemlich unfair. Denn wieder einmal drehen wir uns im Kreis – und zwar im Kreis um UNS selbst. Das Pferd wird zum Komparsen. Wie soll hieraus eine Beziehung entstehen?

Beziehung bedeutet, sich aufeinander zu beziehen. Zu sehen, was das, was dein ist, anstößt in dem, was mein ist. Das gelingt nur, wenn wir es schaffen, dass jeder seine 50% Anteil verantwortungsvoll trägt, anstatt übergriffig fremde Anteile kontrollieren zu wollen oder alle Eigenverantwortung abzugeben.
 
 

Verbindung statt Spiegel

Um eine Beziehung zum Pferd herstellen zu können, brauchen wir eine ganz andere, wichtige Zutat: Verbindung.

Der Fokus liegt also neben uns selbst auch auf dem Pferd: Was interessiert dich? Welche Bedürfnisse kannst du mit mir teilen? Welche Ziele wollen wir gemeinsam verfolgen? Durch Fragen wie diese schaffen wir einen offenen und interessierten Fokus, der dem Pferd einen Raum zur Verbindung mit uns eröffnet.

Wir müssen wieder lernen, was es braucht um in Verbindung zu gehen. Eigentlich leben es die Pferde uns (wenn sie die Möglichkeit dazu haben) innerhalb einer funktionierenden Herde vor. Da geht es ums Kennenlernen – bis man sein Gegenüber mühelos verstehen kann. Ums Anpassen. Brücken schlagen. Um gesunde Grenzen und darum, individuelle Stärken sinnvoll einzusetzen. Und darum, auch mal großzügig Fehltritte tolerieren zu können.

Diese Umgangsformen wünsche ich mir viel mehr als Vorbild. Denn was für dich richtig und authentisch ist, muss das für mich noch lange nicht sein. Und deine Ideen müssen nicht meine sein. Genauso wenig müssen deine Schmerzen zu meinen werden.

Wir dürfen verstehen, dass Beziehung ohne Grenzen und Abgrenzung nicht funktioniert. Insofern dürfen wir beim Blick in den Spiegel immer auch das metaphorische Glas spüren, das uns von unserem Spiegelbild trennt. Und uns darüber klar werden, dass wir nur unsere Seite beeinflussen und dafür Verantwortung übernehmen können.
 

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1 Comment


Andrea
30. Mai 2022 at 6:27
Reply

Hallo ihr Beiden, ich bin Andrea und arbeite u.a. als Coach mit Unterstützung meiner Esel. Ich habe gerade euren Beitrag über das Spiegeln gelesen. Toll! Diese Sichtweise sollte allen Menschen, die mit einem Tier “als Spiegel” arbeiten, nicht nur bekannt, sondern auch bewusst sein. Gut und verständlich beschrieben! Macht weiter so, das ist wertvolle Bildungs-Arbeit! LG Andrea


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