Ein Rat der Intuition

 In Intuition, Pferdetraining, Problemlösung

“Ich brauche mein Pferd nicht zu trainieren. Weder mit Leckerlies, noch mit Druck. Wir haben so eine gute Beziehung zueinander, es macht alles für mich.”

Dieser Ausspruch ist mir in dieser oder anderer Form schon öfter begegnet. Meine erste Reaktion war immer ein Lächeln, weil es für mich in etwa so plausibel klang wie: “Meine Putzfrau putzt nicht wegen des Geldes für mich, sondern weil sie mich persönlich so mag!” Ich habe es nie so recht verstanden, was daran so schlimm sein sollte, seinem Pferd etwas für die Zusammenarbeit zu schenken. Und außerdem kann Pferdetraining sowieso nur in den vier Quadranten der operanten Konditionierung stattfinden: Positive und negative Verstärkung, sowie positive und negative Strafe.

Oder?

In Zeiten der “kognitiven Wende”, in der den Menschen nicht nur vermehrt erstaunliche geistige Fähigkeiten zugesprochen werden, sondern auch Gefühle und Intuition eine (sogar wissenschaftliche!) Basis zurückgewinnen, könnte man sich durchaus die Frage stellen, inwieweit diese Denkweise eigentlich noch zeitgemäß ist.

Wenn ich Nathan dabei beobachte, wie er mit uns umgeht und auf uns reagiert, dann erkenne ich deutlich, dass das Paradigma der operanten Konditionierung nicht alles sein kann. Ich möchte hierzu ein Beispiel geben, das gerade sehr aktuell für uns ist. Wenn wir mit Nathan spazieren gehen, dann bleiben wir immer mal wieder stehen, um ihn Gras knabbern zu lassen. Allerdings gestaltet sich das Weitergehen oft schwierig sobald der Kopf einmal im saftigen Grün verschwunden ist. Dann ist das Maul nämlich gestopft und die Menschen haben erstmal Sendepause.

Wir haben schon vieles ausprobiert: Mit Signal und vielen Leckerlies und lobenden Worten, wenn der Kopf sich hob. Auch Seilchen schlenkern, am Halfter ziehen und verärgert schimpfen führten nur dazu, dass Nathan sich noch mehr in sein Schneckenhaus zurückzog und uns ausblendete.

Es war, als würde er die Sprache der Konditionierung nicht verstehen.

Vor wenigen Tagen hatten Anni und ich dann auf einmal den starken Impuls das Thema anders anzugehen. Mit der klaren Intention vor Augen, dass der Spaziergang dazu da ist, sowohl unsere als auch Nathans Bedürfnisse zu erfüllen geschah etwas, das aus lerntheoretischer Sicht nicht hätte passieren dürfen.

Statt zu ziehen oder zu locken, flüsterte unsere Intuition etwas anderes zu. Es fühlte sich für uns richtig an, Nathan einfach “mitzunehmen” – ich denke, das ist das Wort, das es am besten beschreibt. Es war nicht viel mehr als ein leichtes Zupfen am Strick, eine gedachte Geste Richtung Schulter und das Gefühl einer starken Verbindung zwischen uns – und schon hob Nathan seinen Kopf und trottete mit aufmerksamen Ohrenspiel in unsere Richtung mit uns weiter zum nächsten Grasbüschel. Der gleiche Nathan, der noch einen Tag vorher mit vollem Körpereinsatz kaum zum Weitergehen zu bewegen war.

Wie kam diese Veränderung in seinem Verhalten zustande?

Wir haben weder unsere Clickerkünste magisch gesteigert, noch exzessiv Gewalt am Pferd verübt – Und doch hat sich alles geändert. Ich glaube, dass wir zu Experten geworden sind. Keine Experten im herkömmlichen Sinne, eher Experten im Bereich “Spazierengehen mit Nathan”.

Unser Unterbewusstsein kann, um sich davon mal ein plastisches Bild zu machen, über 50 Millionen Bits an Details aufnehmen und sortieren – unser Bewusstsein nur etwas über 50 Bits.

Diese enorme Kapazität des Unterbewussten sorgt dafür, dass wir in Situationen weit mehr erfassen, als unser Verstand uns nachher ausgibt und verarbeitet.

Es sammelt und sammelt also fleißig über alle Situationen hinweg, in denen wir mit Nathan spazieren waren. Es merkt sich, was wann erfolgreich war und was nicht. Es merkt sich, bei welchem Wetter Nathan wie gestimmt ist, welches Gras besonders lecker für ihn ist und bei welchem Zucken seines Schultermuskels er andeutet, dass er bereit ist zum Weitergehen. Eine Informationsflut, die für unser Bewusstsein viel zu groß und unübersichtlich ist.

Deswegen teilen wir es so gerne in die schönen vier Schubladen: Positive und negative Verstärkung bzw. Strafe. Das ist schön, das ist einfach, das mag ich – denkt sich unser begrenzter Verstand. Doch manchmal kommen wir damit einfach nicht weiter. Und dann kommt unsere Intuition ins Spiel.

Unsere Intuition hat die ganze Zeit genau beobachtet und sich fleißig alles gemerkt. Hat lange über die Daten nachgedacht und dann ihr Urteil gefällt. Und plötzlich haben wir ein eindeutiges Gefühl im Bauch, von dem wir überzeugt sind, dass es uns jetzt den richtigen Weg weisen wird.

Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich genau weiß, wann ich mich wie bewegen muss, damit Nathan vom Gras weg mit mir mitkommt.

Dieses Wissen verdanke ich meinem Unterbewusstsein und dessen Ausführung meiner Intuition.

Manchmal braucht es keinen ausgearbeiteten Plan, damit etwas wie am Schnürchen läuft. Oft ist die Intuition schon längst da um uns zu zeigen, dass wir auf dem Holzweg sind mit unserem verkopften Denken. Die Lösung liegt nicht selten direkt vor uns und lässt sich rational kaum beschreiben. Es war nicht das, was wir nach etablierten Theorien hätten tun sollen, aber es passt zu uns und es funktioniert.

Ich glaube, dass wir alle zu Experten für unsere Pferde werden können.

Wir brauchen dazu nicht immer jemand anderen, der uns genau vorgibt was zu tun ist. In vielen Situationen ist unsere Intuition schon längst Profi auf diesem Gebiet. Wir müssen lediglich verstehen, dass Intuition längst kein magisches Bauchgefühl mehr ist, sondern ein handfestes Werkzeug unserer Intelligenz. Und dass Lerntheorie nicht für jedes Problem die Lösung ist.

PS: Hier ein interessanter Blogartikel zum Thema “Konditionierung” von Sonja Burgemeister

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Comments
  • Berit Seiboth
    Antworten

    Sehr schön geschrieben.
    Ich habe sehr spät angefangen mit Pferden zu arbeiten, aber ich hätte nie ein großes Problem mit Pferden. Sogar war mein erstes Pferd, ein Pferd was Menschen Angriff. Ich hatte nur 4 Monate Pferdeerfahrung und dann so ein Pferd. Nach 3 Monaten waren das Pferd und ich eine Einheit. Ich habe fast alles nur aus der Intuition entschieden.
    Das Beispiel mit dem Grasen fand ich sehr interessant. Bei mir war es sehr ähnlich. Nur das Raija von Anfang an mit mir weiterging sobald ich losging. Ich baute noch einen Pfiff ein damit auch andere Leute Raija vom Gras wegbekommen, wenn sie das möchten. Ich kann mit ihr auch über Graswiesen laufen ohne das sie versucht zu grasen. Sie darf aber mit mir jeden Tag zwischen 15-60 Minuten grasen, da sie nur auf einem Sandpaddock steht.

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