Freiarbeit mit Pferden – Freiwilligkeit, Freundschaft & Freiheit

 In Freiarbeit mit Pferden, Persönliche Entwicklung, Pferdetraining

Wenn von Freiarbeit mit Pferden die Rede ist, dann stellen sich die meisten Pferde vor, die frei um ihre Menschen herum zirkeln, die ohne Halfter und ohne Strick auf die kleinsten Kommandos reagieren, die mit ihren Menschen zu tanzen scheinen. Das ist nur ein kleiner Teil der Art der Freiarbeit, wie wir sie verstehen. Freiarbeit bedeutet für uns die Zusammenarbeit oder eher noch das Zusammensein von Pferd und Mensch in größtmöglicher Freiheit.

Freiarbeit mit Pferden

 

Wir legen unseren Fokus dabei nicht auf spektakuläre Lektionen oder feinsten Gehorsam des Pferdes. Wir möchten erreichen, dass Pferd und Mensch so frei sind wie nur möglich und im Rahmen dieser Freiheit eine Kommunikation, ein Zusammenspiel entwickeln, an dem beide Freude empfinden. Freiarbeit ist für uns kein Selbstzweck. Freiarbeit dient uns nicht einfach zur Beschäftigung des Pferdes. Sie ist die Basis, die inneres Wachstum ermöglicht. Selbstreflexion, Bewusstsein, Selbstbestimmung, Rücksichtnahme und die Intention, das Pferd und uns selbst seelisch, körperlich und geistig zu stärken und in die Balance zu bringen sind die Pfeiler, die diese “Arbeit an der Freiheit” tragen.

Wie du dir sicherlich denken kannst, meine ich mit größtmöglicher Freiheit diejenige, die wir realisieren können, ohne unsere Pferde, uns selbst oder andere zu gefährden. Es mag Pferd-Mensch-Paare geben, die auch die Freiheit von Zäunen, Halftern und Stricken genießen können, ohne dabei ihre Sicherheit oder die anderer Wesen einzubüßen. Doch das wird den Wenigsten von uns möglich sein – besonders, wenn wir das Pferd als eigenständiges Wesen schätzen und seinen Willen nicht brechen.

Ich möchte dir heute einen Einblick in das Potential dieser Arbeit geben, dich mit etwas anderen Gedanken und Ideen über die Freiarbeit mit Pferden vertraut machen, dich einladen zu experimentieren und dich selbst und dein Pferd besser kennenzulernen.

 

Freiarbeit – Freiwilligkeit oder Zwang?

Es gibt dieses Zitat: „Wenn du das Seil entfernst bleibt nur eins, die Wahrheit“. Doch welche Wahrheit ist es, die bleibt? Wenn ich das Seil entferne und mein Pferd mir keinen Schritt von der Seite weicht, kann ich daraus schließen, dass es freiwillig bei mir bleibt? Kann ich daraus schließen, dass wir Freunde sind? Es kommt darauf an.

Im klassischen Horsemanship wird den Pferden häufig beigebracht, dass es in der Nähe des Menschen am angenehmsten ist – es ist der Ort, an dem sie eine Pause von der Druckeinwirkung bekommen. Die Methode des Join Up ist ein Beispiel dafür, wie Pferden durch operante Konditionierung und speziell negative Verstärkung beigebracht wird, dass es besser ist, sich dem Menschen zuzuwenden und ihm nicht mehr von der Seite zu weichen. Das Pferd wird dabei so lange mit Druck im Round Pen getrieben, bis es sich dem Menschen zuwendet. Das bedeutet, dass es vorher für sein Verhalten – sich vom Menschen abzuwenden – bestraft wurde.

„Mache das Gewünschte einfach und das Unerwünschte unbequem“ – so einleuchtend dieser Satz erscheint, so sagt er doch nichts anderes als „bestrafe das Verhalten, dass du nicht willst, sodass das Pferd nur noch eine (einfache) Möglichkeit hat, der Bestrafung zu entgehen“. Bestrafung bedeutet dabei nicht, dass das Pferd physischen Schmerz erfahren muss. Bestrafung ist schlicht alles, was dazu führt, dass das Pferd ein Verhalten weniger häufig zeigt. Mehr zum Thema Strafe kannst du in Janas Beitrag Hilfe, mein Pferd beißt! nachlesen oder in dem Grundlagenartikel “Nur ein Klaps – positive Strafe im Pferdetraining“.

Wendet sich das Pferd von mir ab und ich treibe es danach so lange von mir weg, bis es sich mir wieder zuwendet, so wird es sich wahrscheinlich in Zukunft weniger häufig von mir abwenden und gleich bei mir bleiben. Doch es tut das nicht aus Zuneigung oder weil es sich dem souveränen Leittier Mensch anschließt, sondern einfach weil sein „Fehlverhalten“ unbequem gemacht, also bestraft wurde.

Freiarbeit mit Pferden

Was ich hier beschreibe ist eine Möglichkeit, die wir haben, um Pferde dazu zu bringen, sich uns zuzuwenden. Sie funktioniert und sie beschert uns Pferde, die dem Menschen gehorchen. Doch aus Sicht des Pferdes: Machen wir uns damit zu Freunden?

 

Freie Wahl im Pferdetraining

Wann können wir sicher sein, dass das Pferd freiwillig bei uns bleibt? Freiwillig – in diesem Wort steckt der freie Wille. Aus einer philosophischen Perspektive kann man lange darüber diskutieren, ob überhaupt ein freier Wille existiert und auch aus psychologischer Sicht ist diese Frage sicherlich nicht ganz eindeutig zu beantworten. Doch nur, wenn wir davon ausgehen, dass so etwas wie ein freier Wille existiert, erkennen wir die Notwendigkeit, unser Handeln zu hinterfragen. Allein dieser praktische Nutzen des Glaubens an den freien Willen erscheint mir Grund genug, ihn als Prämisse für unsere Arbeit anzunehmen.

Zu welchem Schluss auch immer wir bezüglich des freien Willens gelangen, wir sind uns vermutlich in einer Sache einig – niemand kann nach seinem freien Willen handeln, wenn es nur Optionen zur Auswahl gibt, von denen er eigentlich keine wählen will. „Entweder, du räumst jetzt dein Zimmer auf oder ich nehme dir dein Handy weg“ – wir würden wohl nicht sagen, dass das Kind sein Zimmer freiwillig aufgeräumt hat, oder? Es hat von zwei Übeln einfach nur das weniger Schlimme gewählt. Dennoch wird das Verhalten von Pferden in vergleichbaren Situationen oft als „freiwillig“ betitelt.

Nach seinem freien Willen handeln zu können, bedeutet für mich, dass genug Optionen zur Auswahl stehen, die das Individuum gerne wählen möchte. Optionen, bei deren Wahl es sich wohl fühlt. Optionen, die nicht mit hohen Kosten (wie Strafe, Schmerz, Angst, Unwohlsein oder Stress) einhergehen. Optionen, die dem physischen und psychischen Wohlbefinden nicht schaden. Das bedeutet nicht unbedingt, dass das Individuum die einfachste, momentan angenehmste Option wählen wird – doch wenn dem freien Willen Raum gelassen werden soll, dann muss so eine einfache, angenehme Option wenigstens zur Wahl stehen.

Dem freien Willen der Pferde Raum zu geben, bedeutet für mich, dass ich ihnen, soweit möglich, verschiedene einfache und angenehme Optionen zur Verfügung stelle, die es ihnen ermöglichen, sich gegen mich zu entscheiden.

Um echte Freiwilligkeit mit Pferden erleben zu können, müssen sie sich gegen den Menschen entscheiden können.

“Nein” muss eine tatsächlich wählbare Alternative sein, damit ein ehrliches “Ja” überhaupt möglich wird.

 

Freiarbeit als Basis für Freundschaft zwischen Pferd und Mensch

Freiarbeit mit PferdenMenschen bedeuten für Pferde nicht natürlicherweise etwas Gutes. Welche Bedeutung der Mensch für das Leben eines Pferdes hat, wie es die Menschen generell einzuordnen hat, das muss es erst lernen.

Für uns, die Freundschaft mit dem Pferd schließen wollen, bedeutet das, dass wir einen Weg finden müssen, das Zusammensein mit uns zu einem positiven Erlebnis für das Pferd zu machen. Wie erlebt dein Pferd wohl die Zeit mit dir? Welche Momente empfindet es als angenehm, welche als unangenehm und wenn es zu einem abschließenden Urteil über euch käme, würde dieses positiv, neutral oder negativ ausfallen?

Der Alltag, den wir mit unseren Pferden erleben führt nahezu unweigerlich dazu, dass es gelegentlich zu Situationen kommt, die das Pferd als unangenehm empfindet. Je größer unser Bewusstsein und je flexibler und anpassungsfähiger unser Verhalten, desto mehr potenziell negative Situationen können wir in neutrale oder sogar positive verwandeln.

Leider wird uns dieses Bewusstsein und diese Flexibilität oft schon in jungen Jahren abtrainiert. Uns wird beigebracht, dass wir uns unbedingt durchsetzen müssen und dass Pferde „das schon abkönnen“. Uns wird gelehrt, Pferde dazu zu erziehen für den Menschen zu funktionieren, statt uns dazu zu inspirieren nach Wegen zu suchen, auf denen das Zusammenspiel zwischen Pferd und Mensch der Individualität beider Raum gibt.

Freiarbeit mit PferdenDas alles mag jetzt unheimlich verkomplizierend und unnötig schwierig erscheinen. Als müssten wir unser ganzes Sein mit den Pferden von heute auf morgen komplett umkrempeln. Wieso sollen wir die bewährten Regeln, die gewohnten Routinen aufgeben? Wieso sollten wir hinterfragen, was für viele Generationen funktioniert hat? Wir sind nicht dazu gezwungen. Aber wir befinden uns in einer Zeit, die es uns erlaubt, diese Fragen zu stellen. Einer Zeit, in der Pferde in unserem Leben sind, nicht um zu unserem Überleben beizutragen, sondern um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.

Mit Pferden Freundschaft schließen zu dürfen ist ein Privileg unserer Zeit. Also wieso sollten wir nicht versuchen, mit geschärftem Bewusstsein und kindlicher Neugier nach mehr Freude, Leichtigkeit und Harmonie zu suchen? Vielleicht haben wir ein wenig zu verlieren, ja – das Ansehen bei einigen unserer Stallkollegen, die Einfachheit der Gewohnheiten, die Klarheit des Glaubens an altbekanntes Wissen und vielleicht auch das Bild, das wir von uns selbst haben. Aber da gibt es so viel mehr zu gewinnen. Und an dieser Stelle kommt die Freiarbeit ins Spiel.

 

Freiarbeit als schützender Rahmen

Die Freiarbeit bietet uns einen geschützten Rahmen, in dem wir experimentieren können. In der Freiarbeit befreien wir unser Pferd und wir befreien uns selbst. Wir finden heraus, was das mit uns macht, finden heraus, was das Pferd wählt, wenn es wählen darf. Wir finden Wege, mit dem Pferd zusammenzuarbeiten ohne Erwartungen, ohne Pläne, ohne Druck und ohne Zwang. Wir finden Wege, wie vieles trotzdem und einiges genau deshalb funktionieren kann – genau weil es nun nicht mehr funktionieren muss.

Unsere Reise beginnt mit dem Versuch mit dem Pferd zu kommunizieren und sie führt uns Schritt für Schritt näher zu uns selbst und zu unseren Pferden. Zumindest ist es das, was sie mit mir getan hat.

Freiarbeit bedeutet für mich, dass wir gewillt sind, uns Stück für Stück in Richtung Freiheit vorzuarbeiten. Es bedeutet immer wieder zu hinterfragen: Brauche ich das wirklich? Brauche ich diese Überzeugung? Hilft mir diese Erwartung? Ist das wirklich mein Ziel? Hilft mir dieses Werkzeug? Ist das wahr für mich?

Freiarbeit mit Pferden

Was passiert, wenn ich mich davon löse? Was passiert, wenn ich mich von diesem und jenem befreie, bevor ich meinem Pferd begegne? Wie fühlt sich das eigentlich an, einen Moment nicht an richtig und falsch zu denken und einfach mal zu machen – aus dem Bauch heraus?

Da liegen so viele Schichten um unseren Kern. Werte, die nicht unsere sind. Ziele, die wir nie bewusst gewählt haben. Überzeugungen, die wir nie hinterfragt haben. Gewohnheiten, die unseren Wünschen nicht dienlich sind. Handlungen, die nicht aus unserem Herzen kommen. In der Freiarbeit können wir innehalten, eine Hand auf unser Herz legen, hinhören und dem nachspüren, was der Moment mit uns macht. In der Freiarbeit können wir die Ungeduld spüren, oder die Wut, oder die Angst, ohne dem nachgeben zu müssen – ohne dem Impuls nachgeben zu müssen, etwas (das Pferd oder uns) gerade zu rücken, zusammenzureißen, in der Spur zu halten. In der Freiarbeit sind wir frei, unperfekt und ehrlich zu sein. In der Freiarbeit können wir unser Lächeln wiederfinden.

Die Freiarbeit bietet uns einen Rahmen, in dem wir erkennen können, was uns nicht (mehr) dient.

Wir können lernen loszulassen. Die Erfahrungen, die wir hier machen, können wir nach und nach in unser ganzes Leben integrieren. Wir können es uns zur Gewohnheit machen, zu reflektieren, zu hinterfragen und loszulassen, damit Raum entsteht für das, was wir wirklich wollen. So geben wir den Lebewesen, Erfahrungen und Gefühlen Raum in unserem Leben, die uns wirklich wichtig sind.

 

Ich wünsche dir viele befreiende Momente,
Anni

 

Zum Weiterstöbern:

Viele Aspekte der Freiwilligkeit im Umgang mit Pferden haben wir auch im Podcast mit Johanna Passon angesprochen. 

Zur Freiarbeit passt auch sehr gut der Artikel, den Jana über den achtsamen Umgang mit unseren Händen geschrieben hat. 

Ein paar Gedanken zum Loslassen findest du hier: Kannst du loslassen?

 

 

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