Fühlen und Denken im Clickertraining

 In Clicker Training, Intuition, Persönliche Entwicklung, Pferdetraining

Das Pferd schaut zum Target – Click – Futter. Das Pferd berührt das Target – Click – Futter. Nun wird das Signal hinzugefügt, “Touch” – Pferd berührt das Target – Click – Futter. Wenn Clickertraining im Pferdetraining eingesetzt wird kann das ziemlich technisch aussehen. Als ob es nicht länger um Kommunikation, Beziehung oder Gefühle ginge. Als ich mich das erste Mal mit Clickertraining beschäftigte, war es genau das was ich dachte. Ich glaubte, dass der Mensch sich in eine Futtermaschine ohne jegliche andere Bedeutung für das Pferd verwandeln würde. Diese Assoziation ist übrigens der Grund, warum ich lieber von Training auf Basis von positiver Verstärkung spreche als von Clickertraining.

In einem ihrer Posts auf Instagram, bezieht Norah Kohle sich auf zwei verschiedene Arten von Menschen und Pferden: Den FÜHLENDEN und den DENKENDEN. Ich konnte mich sofort mit diesen Begriffen identifizieren und möchte sie daher nutzen, um das zu beschreiben was zwischen Pferden und Menschen passiert. Für mich beschreiben die beiden Wörter das Kontinuum eines geistigen Zustandes, in dem Pferd und Mensch sich befinden können. An einem Ende befindet sich das FÜHLEN, an dem anderen das DENKEN. Wir können uns mehr zu einer speziellen Seite des Kontinuums hingezogen fühlen als zu der anderen. Der FÜHLENDE verlässt sich vermehrt auf seine Intuition und die Informationen die er unbewusst aus seinen Emotionen zieht, während der DENKENDE sich eher auf seine Ratio verlässt, auf seine Gedanken und Schlussfolgerungen, die er durch Bewusstwerdung erlangt.

Das FÜHLENDER-DENKENDER-Kontinuum

 

Wie kann Clickertraining unser Mindset beeinflussen wenn wir Pferde trainieren?

Die Theorie, die als Basis des Clickertrainings dient, spricht den DENKENDEN in uns an. Es geht um Quadranten, Signalkontrolle, Signale, Trainingspläne, Shaping, Timing, Targets, das Aufteilen von Verhalten in kleine Teile und so weiter und so fort. Wenn wir anfangen mehr über das Clickertraining zu lernen, fragen wir vielleicht Dinge wie: „Was ist der Verstärker für dieses Verhalten?” oder „Ist das negative oder positive Verstärkung?”. Wenn wir nicht das Verhalten bekommen was wir wollten, dann fragen wir ob der Wert der Verstärkung nicht hoch genug war, unser Timing falsch oder die Clickrate zu gering.

Clickertraining kann uns sehr ins Denken schubsen, während wir unser FÜHLEN außer Acht lassen. In meinem Fall hatte das unangenehme Folgen für uns beide, Nathan und mich, da ich ohnehin von Natur aus eher zum DENKENDEN als zum FÜHLEN neige. Mein denkfreudiger Geist dreht auf, wenn ich über Theorien und ihre Anwendung nachdenke, während ich mit Pferden interagiere. Das Überdenken von allem hält mich davor zurück, meine Intuition zu benutzen.

Hier erkennt man an meinem Gesicht, dass meine DENKENDE Seite aktiv ist und Nathan’s Nüstern zeigen teilweise seine emotionale Reaktion auf meinen geistigen Zustand. In diesem Fall wurde es durch die Arbeit mit dem Kappzaum (statt wie gewohnt in Freiarbeit) hervorgerufen, was zu diesem Zeitpunkt unserer Reise noch neu für uns war.

 

Bedeutet das, wir sollten nicht über unser Training nachdenken?

Natürlich sollten wir über unser Training nachdenken und es infrage stellen, nur so können wir sowohl die Ergebnisse verändern als auch die Art wie unser Pferd das Zusammensein mit uns erlebt. Bis zu einem gewissen Punkt geht es darum, neue Fähigkeiten zu lernen. Wenn wir nicht über Theorien nachdenken oder Ratschläge von anderen berücksichtigen würden, dann könnten wir nur Erfahrungen machen, die auf dem basierend, was wir bereits wissen. Es ist nicht unmöglich neue Dinge ohne den Input von anderen zu begreifen, doch dann müssen die Pferde den Job des Lehrens ganz alleine übernehmen. Wir würden eine Menge hilfreicher Informationen verpassen, die andere Menschen bereits vor uns gesammelt haben. Doch das Beachten dieser Informationen kann ebenfalls Probleme verursachen.

Das Problem mit diesen Informationen ist, dass wir diese neuen Fertigkeiten oder Denkansätze nicht sofort in unseren Werkzeugkoffer packen können, da wir diese Erfahrung nicht mit unserem eigenen Körper gemacht haben. Wir können diese Information nur in unseren denkenden Geist integrieren. Versuchen wir später das Ganze in die Praxis umzusetzen, so können wir dies nicht tun ohne dabei von unserem DENKENDEN geleitet zu werden.

Der DENKENDE führt uns durch die neue Erfahrung, die wir machen wollen. Doch nur nachdem wir es mit unseren eigenen Sinnen gefühlt und erlebt haben, können wir uns wieder in die Leitung des FÜHLENDEN begeben.

 

Wie Jana mich zum FÜHLEN zurückbrachte

Als ich zum ersten Mal das Clickertraining ausprobierte, war es genau das, was ich erlebte. Ich verhielt mich mehr wie eine Maschine, wie ein lebendes Wesen. Durch meine natürliche Tendenz, meinem denkenden Geist die Kontrolle zu überlassen, blieb es so bis ich auf Jana traf. Jana hat die große Stärke zwischen FÜHLEN und DENKEN unterscheiden zu können. Obwohl sie einen großen DENKER in sich trägt, der jede Information über Pferde gierig aufsaugt, gibt sie sich ganz ihrer FÜHLENDEN Seite hin, wenn sie bei den Pferden ist. Nathan spiegelt das sehr stark indem er selten gestresst ist wenn die beiden zusammen sind. Wohingegen ich oft Stress verursache, indem ich entgegen meiner Intuition handele, wenn ich im Denken gefangen bin.

Als ich Jana das erste Mal mit Nathan sah, war ich ein bisschen geschockt von der Menge an Leckerlies die sie scheinbar für alles gab. Sie benutzte keinen Clicker oder ein anderes Brückensignal. Die beiden erkundeten die Umgebung, machten ein paar Tricks und sie fütterte fast die ganze Zeit Leckerlies. Was ich da sah hatte beinahe nichts mit dem Clickertraining, das ich gelernt hatte, zu tun – doch es funktionierte für die beiden. Janas Handlungen basierten nicht auf Theorien. Sie basierten auf dem was sie fühlte, was sie zum Ausdruck bringen wollte und vor allem, was ihre Intuition ihr zu tun riet.

Für einige Jahre brachen wir so ziemlich alle Regeln. Wir stellten eigene Theorien auf, machten Erfahrungen und bildeten Überzeugungen. Wir experimentierten und entdeckten vieles neu. Ich ließ alle Regeln los, von denen ich glaubte sie befolgen zu müssen. Und ich lernte wie es ist, sich vom FÜHLENDEN leiten zu lassen. Später begann ich mich bewusst durch mein Denken leiten zu lassen, wenn ich neues Wissen anwenden wollte. Doch diesmal wusste ich, wann ich innehalten musste und es an der Zeit war, wieder zu FÜHLEN.

Jana nutzt das Clickertraining um Nathan beizubringen, seinen Kopf vertrauensvoll in ihre Hand zu legen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht verrät deutlich, dass ihre Handlungen vom FÜHLEN geleitet werden. Und Nathan taucht offensichtlich ebenfalls tief in die Übung und die Interaktion ein.

 

Heute weiß ich, dass beide Enden des Kontinuums wichtig sind. Es gibt eine Zeit für das Denken. Es gibt eine Zeit für das Fühlen. Wenn wir es schaffen, zwischen den beiden hin- und herwechseln zu können, dann können wir das Clickertraining nutzen ohne uns dabei in eine Maschine zu verwandeln die nur aus Click+Futter besteht.

 

Übung:

Versuche zu beobachten, ob deine Handlung vom DENKENDEN oder FÜHLENDEN gesteuert wird. Wie verändert sich die Reaktion deines Pferdes? Vielleicht bemerkst du auch eine Veränderung in deiner Fähigkeit das Zusammensein mit deinem Pferd zu genießen. Wenn du bemerkst, dass dein Denker in manchen Situationen Probleme verursacht, dann versuche deine Gedanken ruhig werden zu lassen um der Stimme deiner Intuition stattdessen Raum zu geben. Fokussiere dich auf deine Atmung und darauf, wie deine Füße den Boden berühren – diese einfache Achtsamkeitsübung kann dir helfen, dich wieder ins Fühlen zu begeben.

Frage dich, wann die richtige Zeit für das Denken und Analysieren ist. Ist gerade diese Phase in deinem Leben dran, dann nimm dir eine Pause vom Zusammensein mit deinem Pferd und überlege dir in Ruhe, was du als nächste tun oder lernen möchtest. Versuche dabei dir deine Bewegungen bildhaft vorzustellen und auch die Reaktionen deines Pferdes darauf. Dann lasse deine Gedanken wieder ruhig werden und lasse den FÜHLENDEN und den DENKENDEN Hand in Hand arbeiten um dich durch diese neue Erfahrung zu leiten.

Im nächsten Post werde ich praktische Tipps geben, wie wir im Clickertraining eine Balance schaffen können zwischen DENKEN und FÜHLEN und uns auf die Beziehung von Mensch und Pferd fokussieren.

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Comments
  • Berit Seiboth
    Antworten

    Wieder ein sehr schöner Artikel.
    Ich gehöre eindeutig zu den Fühlenden.
    Wenn mich Leute fragen, warum ist Raija so brav und so gut zu hört. Kann ich das gar nicht beantworten. Es ist einfach passiert. Ich habe nie bewusst mit ihr trainiert am durchhängenden Strick neben mir zu laufen, beim Putzen ohne angebunden zu sein brav stehen zu bleiben etc. Sie tut es einfach.
    Viele Dinge die ich instinktiv schon immer gemacht habe ohne mir Gedanken darüber zu machen werden jetzt in Büchern beschrieben. Nun erfahre ich, warum mein Instinkt das schon immer wusste, was ich aber nicht erklären konnte.

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