KEIN Spiel: Die 7 Spiele nach Parelli

 In Bewusstes Pferdeleben, Bewusstes Pferdetraining

In diesem Artikel sprechen wir darüber:

  • was die 7 Spiele sind
  • warum sie in der Regel nicht als Spiel gelten können und auch nicht zwingend die Beziehung zum Pferd aufbauen
  • welche Alternativen es gibt, um die Beziehung zum Pferd tatsächlich zu stärken

PS: Am Ende gibt es noch eine tolle und kostenlose Ressource – dranbleiben lohnt sich also! Viel Spaß beim Lesen.

 

Was ist Ziel und Inhalt der 7 Spiele?

Der Sinn der 7 Spiele nach Parelli ist eine Sprache zwischen Pferd und Mensch zu entwickeln. Sie sollen es ermöglichen, mit dem Pferd in den unterschiedlichsten Situationen über verschiedene Aufgaben kommunizieren zu können. (Quelle: Blindly Follow Horses). Zur Übersicht und zum besseren Verständnis hier einmal aufgelistet, aus was die 7 Spiele bestehen:

 

  1. Friendly Game: Das Pferd soll lernen sich beim Menschen zu entspannen und zu vertrauen, es wird überall abgestreichelt und soll dabei entspannt bleiben, auch mit Gegenständen wie dem Seil.
  2. Porcupine Game: Das Pferd soll lernen auf Druck zu weichen, Drucksteigerung und Ampelsystem verstehen, den Kopf absenken, rückwärtsgehen, mit Vor- und Hinterhand weichen.
  3. Driving Game: Das Pferd lässt sich auf Distanz bewegen ohne Berührung durch Stick etc.
  4. Yo-Yo Game: Das Pferd wird auf möglichst gerader Linie weggeschickt und wieder eingeladen (wichtig für Verladetraining).
  5. Circling Game: Das Pferd soll selbstständig auf Distanz das vorgegeben Richtung und Tempo halten (Basis für “Freiarbeit”).
  6. Sideways Game: Das Pferd lernt seitwärts zu treten.
  7. Squeeze Game: Das Pferd lernt durch Engpass zu gehen.

 

Die Spiele sind modular aufgebaut. Gestartet wird mit dem ersten Spiel, das auch immer wieder zwischendurch eingebaut wird. Die folgenden Spiele dienen z.B. dazu, dem Pferd verschiedene Prinzipien wie “auf Druck weichen” oder “selbstständig arbeiten” zu erklären. Dabei dienen die ersten drei Spiele als Basis für die weiteren Spiele. In der Regel wird mit negativer Verstärkung (also Druckaufbau und -nachlass) gearbeitet. Auf diese Art des Trainings bezieht sich auch der restliche Inhalt dieses Artikels.

Das hauptsächliche Argument für die 7 Spiele beinhaltet die Aussage, dass diese sich gut als strukturierter Einstieg in die Bodenarbeit und – besonders unter dem “spielerischen” Aspekt – zum Beziehungsaufbau eignen würden.

 

Kritisch betrachtet: Wie verspielt sind die Spiele wirklich?

Eindeutige Definitionen zum Thema “Spiel” sind umstritten, was zeigt, dass die Thematik recht komplex ist.

Für diesen Artikel beziehe ich auf die folgende Definition aus Dorsch – Lexikon für Psychologie: “Spiel […], Aktivität von Mensch (und Tier), die ohne Zwang und Zweck (Ziele, Intention) um ihrer selbst willen ausgeübt wird.”

(Quelle: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/spiel#search=734201f09bafadac89bb6fc1d30416d2&offset=0, aufgerufen am 25.09.2020

Wie “verspielt” sind die 7 Spiele nach Parelli also tatsächlich? 

  1. Das Spiel wird um seiner selbst willen betrieben: Das ist bei den 7 Spielen nicht gegeben. Jede Übung dient einem festgelegten Zweck und hat nur einen richtigen Ausgang. Ziel ist es, das Pferd besser kontrollieren und beeinflussen zu können.
  2. Spielen geschieht freiwillig: Bei den 7 Spielen hat das Pferd klassischerweise keinen Einfluss auf das Geschehen. Durch Knotenhalfter, Seil und Stick kann es nicht einfach weggehen, wenn es keine Lust mehr hat. Es muss den Aufforderungen des Menschen gehorchen und tun, was er möchte, solange er es möchte.

 

Kritisch betrachtet wird also deutlich, dass die 7 Spiele nach Parelli den Anforderungen eines echten Spiels nicht genügen. Sie dienen dazu, dem Pferd zu erklären, wie es spezielle menschliche Anfragen korrekt zu beantworten hat. Sie sind also eher “7 Lehrstunden” – und das ist wertfrei gemeint. 

 

Das Herdenargument – spielen die Pferde das nicht auch untereinander?

Auch Pferde untereinander “spielen” nichts derartiges miteinander. Der Herdenchef macht durchaus mal klare Ansagen und wird dabei auch handgreiflich – dies ist dann allerdings kein Spiel, sondern eine Zurechtweisung

Wirkliche Pferdespiele beinhalten die zwei genannten Elemente: Sie geschehen um ihrer selbst willen und die Teilnahme ist freiwillig.

 

Die 7 Spiele von Parelli

 

Selbstverständlich üben Pferde wichtige Verhaltensmuster und Kommunikation im Spiel. In der Regel folgen ihre Spielereien auch gewissen Abfolgen und Ritualen, was durchaus eine Parallele zu den 7 Spielen darstellt – allerdings geht es dabei in der Regel nicht um “richtig” und “falsch” und es gibt auch stets die Möglichkeit zu gehen. 

So spielt auch unser Haflingerwallach Nathan und mit seinem besten Freund Emperador (seines Zeichens Hengst und Herdenchef) immer wieder mit eindeutigen Dominanzgesten (er springt auf seinen Rücken, ringt ihn zu Boden etc.) und kurz darauf stehen die beiden kauend und schleckend in Eintracht nebeneinander – Emperador interpretiert nichts davon als ernsthaften Angriff auf seinen Rang.

Im Spiel ist eben vieles möglich, das in ernsthaften Auseinandersetzungen nicht geduldet wird. 

Pferde kennen also beides: Sie kennen echte Spiele und sie kennen Lehrstunden durch Herdenmitglieder. Beides gehört zu einem normalen Pferdeleben. Wir sollten uns jedoch darüber im Klaren sein, dass die 7 Spiele in ihrer heutigen klassischen Ausführung eines nicht sind: Spiele.

 

Sind die 7 Spiele nach Parelli also kategorisch abzulehnen?

Nein! Die grundlegende Idee eines systematischen Aufbaus wichtiger Kommunikationsbausteine ist etwas, das ich als positiv ansehe. Ebenfalls wertvoll finde ich den Leitgedanken, zunächst Entspannung und Kontakt herzustellen und erst dann eine grundlegende Kommunikation wie Weichen und Einladen zu erklären. Dennoch sollten wir kritisch bleiben und uns nicht von dem Glauben an ein freies, lustiges Spiel in die Irre führen lassen. 

Für den Beziehungsaufbau förderlich empfinde ich die 7 Spiele nach Parelli in der Form, die ich bisher angetroffen habe, jedoch nicht unbedingt denn: 

  1. Es ist KEIN Spiel
  2. Das Pferd hat in der Regel keine Wahl 
  3. Die Spiele zielen weitestgehend auf Gehorsam ab, was wenig zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe beiträgt
  4. Das Friendly Game ist potenziell ein sehr übergriffiges “Spiel” (das Pferd muss sich immer und überall anfassen lassen – für den Tierarzt. Aber aus Sicht des Pferdes: Machen wir uns damit zu Freunden? Ist es wirklich angenehm?)
  5. Es findet Manipulation und Drucksteigerung in sensiblen Bereichen statt (Genick, Maulregion, Gesicht)

 

Gibt es eine Alternative zu den Spielen, die die Beziehung wirklich fördern können?

Zunächst einmal möchte ich klären, was aus meiner Sicht überhaupt eine gute Beziehung zum Pferd ausmacht.

  1. Das Pferd hat ein Mitspracherecht
  2. In Spielsituationen darf das Pferd sich jederzeit verweigern und weggehen 
  3. Ich achte das Pferd und seine (körperlichen) Grenzen, soweit möglich
  4. Ich kümmere mich um die Bedürfnisse des Pferdes

 

Diese Voraussetzungen stellen sicher, dass das Pferd den Menschen als angenehme Gesellschaft empfindet und mit der Zeit mehr und mehr seine Gegenwart aufsuchen möchte – was ja unter anderem das Ziel des Beziehungsaufbaus ist.

In diesem Artikel schreibt Anni darüber, wie wir mithilfe der positiven Verstärkung Widersetzlichkeiten gewaltfrei und ohne Drucksteigerung auflösen können.

 

Wir können die 7 Spiele von ihrer ursprünglichen Umsetzung lösen und anders gestalten, sodass sie dem Beziehungsaufbau (wie ich ihn persönlich anstrebe) eher gerecht werden. Wir können den Inhalt der einzelnen Spiele extrahieren und mit einer achtsamen, sanften Kommunikation auf Augenhöhe verbinden.

Ein Beispiel: Das Friendly Game ist eine wunderbare Möglichkeit, um uns selbst in achtsamen Berührungen zu schulen. Wir können das Spiel nutzen, um unserer freundlichen Absicht tatsächlich Ausdruck zu verleihen, indem wir das Pferd fragen:

“Darf ich dich berühren? Wenn ja, wo ist es dir besonders angenehm?”

Indem wir Grenzen respektieren, zeigen wir unserem Pferd, dass wir wahre Freunde sind. Lassen wir unsere Handlungen also von dem Gedanken leiten, was wir für das Pferd tun können – nicht umgekehrt. Muss ich das Pferd doch einmal an einer unangenehmen Stelle berühren, dann tue ich das mit ganz viel Bedacht und trainiere die Akzeptanz ggf. mithilfe des Clickertrainings.

In diesem Artikel findest du die Grundlagen des Clickertraining erklärt: Basics Clickertraining: Höflichkeit und Futterlob

 

Ein weiteres Beispiel: Statt das Pferd im Driving Game von sich wegzuschicken, was unter anderem auch zu Stress führen kann, kann man auch einfach das Targettraining verwenden. Dabei lernt das Pferd, sich auf einen Gegenstand zuzubewegen. Dieses Prinzip lässt sich wunderbar auch in die Bewegung mitnehmen. Ein Beispiel für das Nasentarget zeigt dir das folgende Video:

 

Wenn dein Pferd manchmal beim Wegschicken die Ohren anlegt, wird dir dieser Artikel weiterhelfen. Er erklärt dir, wann das Ohrenanlegen eines Pferdes als “Nein” zu interpretieren ist und welche anderen Bedeutungen es haben kann: Hilfe! Mein Pferd legt die Ohren an.

 

Wenn du die Prinzipien der Achtsamkeit und Sanftheit nun ebenfalls für deine Bodenarbeit nutzen möchtest und vielleicht sogar überlegst, wie du die 7 Spiele nach Parelli für dich und dein Pferd anpassen kannst, findest du in diesem kostenlosen Workbook einen Leitfaden für deinen individuellen Start in die Bodenarbeit:

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Comments
  • Miriam
    Antworten

    Mit meinem ersten Pferd habe ich aus Unwissenheit diese “Spiele” gespielt. Zumindest habe ich es versucht, aber mein selbtsbewusstes Pferd hat den Spieß einfach umgedreht und mir gezeigt wie unhöflich und übergriffig die Spiele sind.
    Heute würde ich es mit keinen meiner Ponys mehr machen.
    Liebe Grüße
    Miriam

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