Hilfe, mein Pferd beißt!

 In Pferdetraining, Problemlösung

“Hilfe, mein Pferd beißt!” – Aus verschiedensten Gründen gibt es Pferde, die nach Menschen beißen oder schnappen und oft sorgt das für Ratlosigkeit und auch Angst. Denn ein so großes Tier wie ein Pferd ist uns körperlich weit überlegen und könnte einen Menschen problemlos ernsthaft verletzen. In diesem Blogpost möchte ich erklären, warum ein beißendes Pferd meiner Meinung nach niemals böse Absichten verfolgt und dir einige Lösungen an die Hand geben, wie du dieses Verhalten nachhaltig und gewaltfrei auflösen kannst.

Warum beißt ein Pferd? – Ursachen erkennen

In den Ursachen eines Problems liegt gleichzeitig der Schlüssel zu seiner Lösung. Daher möchte ich hier ausführlich auf einige der möglichen Ursachen für das Beißen eines Pferdes eingehen.

Futterlob

Futterlob möchte ich als Ursache zunächst aus der Auflistung streichen. Auch wenn manch einer genau an dieser Stelle vielleicht ein Plädoyer gegen den Einsatz von Futterlob im Pferdetraining erwarten mag, so kann ich diesen Punkt keinesfalls aufnehmen. Es ist zwar einerseits korrekt, dass es Pferde gibt, die aufgrund des unbedachten Einsatzes von Leckerchen angefangen haben zu beißen. Jedoch kann man weder den Leckerlies an sich noch dem Pferd oder dessen Charakter den schwarzen Peter zuschieben: Ursache hierfür ist ganz klar das Missmanagement des Menschen.

Futterlob hat sehr viele positive Eigenschaften, jedoch kann es mit der falschen Intention und fehlendem Wissen genauso missbraucht werden wie etwa eine Gerte oder ein Halfter.

Beispielsweise aufgrund des Einsatzes zu hochwertiger Leckerlies, unklarer oder fehlender Regeln im Umgang mit Futterlob und meist auch aufgrund von unerfüllten Grundbedürfnissen kann das Beißen provoziert werden. Doch jedes Pferd kann lernen mit Leckerlies höflich und behutsam umzugehen und zwar ohne den Einsatz von Gewalt oder Strafen. Im Beitrag Basics Clickertraining: Höflichkeit und Futterlob erfährst du, wie das geht.

Hilfe, mein Pferd beißt.

Aggression und Dominanz bei Pferden

Als ersten und offensichtlichsten Grund denken die meisten von uns wahrscheinlich an Aggression als Ursache für das Beißen. Auch der Begriff Dominanz taucht in diesem Zusammenhang oft auf. Wenn wir Pferde in ihrer Herde beobachten, dann können wir immer mal wieder Zeuge davon werden: Ein Pferd steht am Heu, ein anderes kommt dazu und beißt es mit angelegten Ohren weg – hier mag es sich um eine Sache der Rangordnung bzw. dem Verteidigen von knappen Ressourcen handeln. Möchte ein beißendes Pferd dem Menschen gegenüber also einfach nur seine Rangposition beweisen?

Tatsächlich gibt es einige Punkte, die gegen dieses Konzept sprechen. Zum einen ist die Idee der klaren Hierarchie oder Rangordnung zwischen den Pferden aufgrund von Situationen entstanden, in denen Ressourcenknappheit herrscht und eine Art “Verteilungsschlüssel” benötigt wurde. Da wir Menschen aber nicht um dieselben Ressourcen wie Pferde konkurrieren, kommen wir uns nicht ins Gehege und benötigen daher auch keine Rangordnung, die die Zuteilung der Ressourcen klärt. Ein Pferd denkt nicht, dass wir Menschen Herdenmitglieder sind. Wir fressen nicht wie sie, wir bewegen uns ganz anders und verbringen den größten Teil des Tages nicht mit ihnen am Stall.

Es liegt daher nicht in der Natur des Pferdes mit uns eine Rangordnung abklären zu wollen.

Zum anderen ist die Idee, das Beißen sei eine Art Charaktereigenschaft eines “dominanten” Pferdes, viel zu einfach gedacht. Diese Art von Erklärung übersieht nämlich, dass Dominanz im pferdischen Verhalten immer auf Situationen beschränkt ist und somit keine Charaktereigenschaft beschreibt. Es gibt immer einen klaren Auslöser für “dominantes” Verhalten (meist besagte Ressourcenknappheit und Stress). Ein Pferd, welches nach dem Menschen beißt, hat also immer einen Grund für dieses Verhalten und ist nicht per se “dominant gegenüber Menschen”.

Frust, Überforderung und körperliche Schmerzen

Ich behaupte, dass der häufigste Grund für das Beißen und auch andere sogenannte Unarten wie Buckeln oder Austreten eine Form des Unbehagens ist. Sei es Überforderung, Frust oder körperliche Schmerzen. Viele Menschen verstehen das Schnappen mit angelegten Ohren als unerhörte Respektlosigkeit, während das Pferd lediglich versucht ein körperliches und/oder mentales Unbehagen auszudrücken. Leider haben unsere Pferde keine verbale Sprache, worüber sie uns mitteilen könnten, was ihnen unangenehm ist. Daher müssen sie auf Körpersprache in steigender Intensität zurückgreifen, wenn sie ihre “Stimme erheben” wollen.

Keinesfalls sollten wir daher ein Verhalten des Pferdes als “Unart” abtun

– es könnte nämlich schlimmstenfalls sein, dass wir damit eine gravierende Schmerzgrenze überschreiten.

Mentaler Stress

Auch mentale Stressoren können das Beißen provozieren. Ein Pferd, das unter hohem Druck steht und gleichzeitig die gestellte Aufgabe nicht erfüllen kann, reagiert meistens mit Stress. Durch Beißen versuchen manche Pferde diese Anspannung abzubauen. Das Verhalten wird als Ventil zum Dampf ablassen genutzt. Häufig stecken körperliche Ursachen hinter dem Unvermögen, eine Aufgabe zu lösen. Aber auch ganz einfach fehlendes Verständnis der Aufgabe, zu große Schritte im Lernprozess und ungenügende Zeit zum Nachdenken können hierfür Ursachen sein.

Verspieltes Schnappen bei Jungpferden

Hilfe, mein Pferd beißt.

Ein letzter möglicher Punkt, von dem am meisten Pferdebesitzer mit Schützlingen zwischen einem und vier Jahren ein Liedchen singen können, ist das verspielte Beißen und Schnappen. Jungpferde, vor allem aber Wallache und Hengste, haben einen sehr starken Drang alles mit ihrem Maul, Zähnen und Nüstern zu erkunden. Dabei wird auch vor Menschen meist nicht Halt gemacht – denn Jungpferde hatten noch nicht ausreichend Gelegenheit, die Unterschiede im angemessenen Verhalten gegenüber anderen Pferden und den viel zerbrechlicheren Menschen zu lernen. Bei vielen Pferden legt sich dieses Verhalten mit zunehmenden Alter, aber manche Pferde bleiben ihr Leben lang “Spielkinder”.

 

Strafe als Lösung?

Je nach Veranlagung des Menschen und je nach Situation wird auf ein beißendes Pferd meist mit Strafe reagiert. Die Bandbreite reicht hier von lautem Schimpfen über nach dem Pferd schlagen bis hin zu minutenlangem durch-die-Halle-hetzen um klar zu machen, dass dieses Verhalten ein absolutes No-Go ist. Oft geschieht dies aus einem instinktivem Bedürfnis nach Schutz des eigenen Körpers heraus – aber auch die Annahme, dass das Pferd ansonsten mit diesem Verhalten “durchkommen” könnte, nährt das sofortige und oft unbewusste Strafen. Emotionen spielen ebenfalls eine große Rolle, vor allem dann, wenn wir uns durch das Pferd bedroht fühlen. Daher geschehen einige dieser Strafreaktionen auch unbewusst und instinktiv, anstatt bedacht und wohl überlegt.

Was ist die Folge des Einsatzes von Strafe bei einem beißenden Pferd?

Eines der Hauptprobleme von Gegenreaktionen wie verbaler oder körperlicher Strafe ist, dass wir das Verhalten lediglich unterdrücken. Die Ursache wird dadurch in keiner Weise verändert. Das Grundproblem muss sich auf Dauer andere Wege suchen, um an die Oberfläche zu gelangen – das Pferd kompensiert also lediglich seine Aggression, seinen Schmerz oder seinen Stress und drückt sie in einem anderen Bereich aus. Ein weiteres Problem ist, dass wir in der Beziehung mit unseren Pferden immer eine gewisse Vorbildfunktion innehaben. Indem wir mit Wut und Ablehnung auf ein Verhalten reagieren, machen wir dem Pferd unterbewusst vor, was wir als normal und angemessen in unserer Interaktion empfinden. Wir müssen uns daher nicht wundern, wenn unser Pferd sich über die Zeit ebenfalls wenig achtsam uns gegenüber verhält und statt Rücksicht zu nehmen eher mit Gegenwehr reagiert.

Der Satz: “Pferde gehen ja auch so miteinander um” hilft dabei leider auch nicht weiter, denn die Realität in einer Hauspferde-Herde liefert nur wenig Aufschluss über die eigentliche Natur von Pferden (und gar keinen Aufschluss über die “Natur” der Mensch-Pferd-Interaktion). Zwar taucht aggressives Verhalten aufgrund der heutigen Haltungsformen häufig auf, jedoch geben uns die überwiegend friedlichen Wildpferdeherden Aufschluss darüber, dass Aggression und Beißen keineswegs zum Alltag einer Pferdeherde gehören. Vielmehr besteht in Wildpferdeherden der größte Teil des Emotionsausdrucks aus positiven Elementen (siehe van Dierendonck & Spruijt.) basierend auf meist freundschaftlichen und familiären Banden. Bei unseren Hauspferden herrscht hingegen ein enger Zusammenhang zwischen Aggression und Ressourcenknappheit beziehungsweise haltungsbedingtem Stress – wodurch wir bei vielen domestizierten Pferden häufiges aggressives Verhalten den Artgenossen gegenüber beobachten können.

Ist Gegenwehr die angesagte Reaktion auf Beißen, so erfordert dies außerdem ein hohes Maß an Wachsamkeit von Seiten des Menschen. Kleinste Anzeichen des gefürchteten Verhaltens werden aktiv gesucht, um im richtigen Moment vorbereitet zu sein. Dies bedingt einen negativen Fokus, bei dem man leicht in eine Vermeidungshaltung und Opferrolle schlüpft. Ein negativer Fokus stößt außerdem fast immer eine Negativspirale aus Angst, Misstrauen und Sorge um Kontrollverlust an. Diese Spirale wird sich auch auf den restlichen Umgang abfärben, da Verhalten niemals im Vakuum sondern immer in einem Gesamtkontext passiert.

Wenn die Strafreaktion offenbar so nachteilig ist, warum handeln viele Menschen dann so?

Meiner Meinung nach ist der soziale Druck in vielen Ställen extrem hoch. Die vorherrschende Meinung, dass Pferde “dominant” sind sowie die unbewusste, da meist unterdrückte, Angst vor der körperlichen Übermacht des Pferdes, sind ein starker Nährboden für diese körperliche Art der Gegenreaktion vieler Menschen. So gehört es quasi zum eigenen kleinen Kompetenz-Köfferchen mit der Aufschrift: “Ich habe mein Pferd im Griff”, dass wir ein beißendes Pferd empört zurechtweisen und wenn nötig körperlich daran erinnern, wer am längeren Hebel sitzt. Wer anders reagiert, demonstriert in den Augen der Stallkollegen nicht etwa Empathie und Einfallsreichtum, sondern vielmehr sein offensichtliche Unerfahrenheit und Unterlegenheit dem Pferd gegenüber. Doch ich sehe das Thema folgendermaßen:

 

Die Reaktion auf ein beißendes Pferd ist eine Frage der eigenen Philosophie

Hast du dich schon einmal getraut, dir folgende Fragen zu stellen und sie ehrlich für dich zu beantworten?

Wie wichtig ist es mir persönlich, das Verhalten zu ändern?

Wann möchte ich das Verhalten ändern?

Was erlaube ich mir und meinem Pferd, selbst wenn es nach außen hin vielleicht nicht vorzeigbar wirkt? (Hierzu Anni’s wunderbarer Post: Die goldene Regel – Was dürfen wir tun?)

Wir sind so darauf programmiert, anderen Menschen gefallen und sie vielleicht auch beeindrucken zu wollen, dass wir dabei oft unsere Intuition überhören.

Es gehört Mut dazu, dieser Stimme Raum zu geben und ihren Rat auch entgegen vorherrschender Meinungen zu befolgen.

Wenn dein Jungpferd beispielsweise spielerisch in deine Jacke beißt und du das für dich persönlich nicht wirklich als störend empfindest, dann solltest du dieses Verhalte nicht dem “schönen Schein zuliebe” unterdrücken. Du darfst dich daran erfreuen und liegst damit nicht richtiger oder falscher als jemand anderes, der dieses Verhalten vielleicht nicht sehen möchte. Letztlich bist du durch deine ungewöhnliche Umgehensweise vielleicht sogar für andere Menschen eine Inspiration, ihre eigenen Grenzen zu hinterfragen.

Eine meiner Grundüberzeugungen ist, dass jeder Mensch und jedes Pferd Experten für sich selbst sind. Experten für den eigenen Körper, die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Wünsche. Niemand kennt dich so gut, wie du dich selbst kennst. Daher besitzen alle deine Entscheidungen eine ihnen innewohnende Gültigkeit, die dir niemand anderes absprechen kann.

Wenn du magst, beantworte mal in diesem Wissen die oben genannten Fragen ganz für dich. Du musst niemandem davon erzählen. Aber es kann dir unglaublich viel Aufschluss darüber geben, was deine innere Stimme dir eigentlich sagen möchte.

 

Wie kann man auf beißende Pferde pro-sozial und gewaltfrei reagieren?

Hilfe, mein Pferd beißt.

Ein beißendes Pferd zeigt zunächst einmal nur ein Verhalten, das ein Bedürfnis erfüllen soll. Jedes Verhalten erfüllt eine gewisse Funktion für den Organismus. Es macht daher wenig Sinn, ein Verhalten “deckeln” zu wollen, solange die Ursache noch besteht. Der Grundsatz des positiven Pferdetrainings lautet:

Möchte man die Ursache für das Verhalten abstellen, so muss man eine Alternative finden, die dieselbe Funktion erfüllt wie das alte Verhalten.

Beispiel: Dein Pferd beißt beim Putzen am Bauch. Weil du dich davor erschrickst, hörst du kurzzeitig auf, es dort zu putzen. Die Funktion des Verhaltens “Beißen” ist also, dass du damit aufhörst, eine unangenehme Stelle zu putzen. Möchtest du nun nachhaltig das Beißen abstellen, dann erfülle deinem Pferd das Bedürfnis, achtsamer an dieser Stelle geputzt zu werden, indem du einfach das nächste Mal nicht oder nur sehr sanft dort putzt. So hast du eine Alternative etabliert (du bist vorsichtiger oder lässt die Stelle wenn möglich ganz aus), die dieselbe Funktion erfüllt wie das alte Verhaltensmuster – nur dass es für dich ungefährlich ist und noch dazu eine gewaltfreie und beziehungsfördernde Lösung. Falls Schmerzen die Ursache für ein vom Menschen unerwünschtes Verhalten sein könnten, so sollte dies selbstverständlich durch den Tierarzt oder eine andere sachverständige Person abgeklärt werden.

Nach demselben Prinzip kann man jede Ursache durchleuchten. Beim Schnappen aus Futterstress beispielsweise geht es einerseits um das Training von Höflichkeit. Doch die andere, meist viel wichtigere Komponente, ist das Hungergefühl des Pferdes. Ein Pferd, das vor dem Training stundenlang kein Raufutter bekommen hat, wird naturgemäß sehr viel “heißer” sein, als ein gut gesättigtes Pferd. Da das Schnappen hier eigentlich nur die Funktion hat, auf schnellerem Wege ans Futter zu kommen, kann man leicht eine Alternative schaffen, indem man das Pferd beispielsweise vor dem Training mit etwas Heu füttert oder generell nur mit einem satten Pferd arbeitet – das ist für uns ein Grundsatz.

Weiterhin solltest du genau ergründen, ob die Ursache des Beißens eine Form von Überforderung oder Angst ist. Dann löst du das Problem am nachhaltigsten, indem du genau diese Ursachen abstellst. Bei Überforderung könntest du einige Schritte zurück gehen und mit einer sehr kleinen Stufe des Verhaltens anfangen und so die Wahrscheinlichkeit für Erfolgserlebnisse und Aha-Momente erhöhen.

Hierzu eine nützliche Grundregel:

Gehe immer zu dem Punkt zurück, an dem du noch ein “Ja” von deinem Pferd bekommen kannst.

Von dort aus kannst du dich wieder langsam vortasten und dabei sehr achtsam für die Signale deines Pferdes sein. Zeigt es Anzeichen von Unwohlsein, dann nimm dir Zeit und gehe erst weiter, wenn das Pferd die Aufgabe verstanden hat und sie lösen kann. Lieber viele kleine Erfolge, als dass man zu große Schritte wählt und damit die Gefahr für ein erneutes Auftreten des problematischen Verhaltens vergrößert.

Bei Stress und Angst geht es vor allem darum, das Emotionslevel deines Pferdes gut im Auge zu behalten. Es gibt eine Schwelle, bis zu der Stress und Angst noch nicht das ganze Pferd fest im Griff haben, sondern erstmal nur ein “mehr an Energie und Wachsamkeit” erzeugen – bis zu dieser Schwelle kann man meist guten Gewissens gehen. Alles was aber darüber ist, schlägt meist in Frust oder Panik um und provoziert somit erneut eine Abwehrreaktion wie das Beißen. Daher sollte dieser Zustand dringend vermieden werden. Taste dich also achtsam vor und gib deinem Pferd eine Pause, nimm deine Erwartungen ein gutes Stück zurück und gib ihm all deine Zeit und Geduld, wenn ihr doch einmal die Schwelle überschritten haben solltet.

 

Training gegen unvorhersehbares und extrem häufiges Beißen

Solltest du keinen sicheren “ersten Schritt” für ein Verhalten finden, weil dein Pferd beispielsweise unvorhersehbar oder einfach extrem häufig beißt, dann ist das Training hinter einer Absperrung eine gute Lösung. Du als Mensch kannst dabei außen an einem Zaun stehen oder vor der Box oder dem Paddock und dein Pferd steht auf der anderen Seite. So habt ihr erstmal das größte Problem der körperlichen Unversertheit gewaltfrei geklärt und meist hilft der physische Raum auch auf mentaler Ebene. Die meisten Pferde sind anfangs verwirrt, wenn ihre alten Verhaltensmuster plötzlich ins Leere laufen, aber genau dieses Durchbrechen ist auch Sinn der Maßnahme. Du als Mensch kannst einfach geduldig hinter dem Zaun abwarten und jeden kleinen Moment von Freundlichkeit und Entspannung ausgiebig loben und bestärken. Mit der Zeit bauen sich neue Muster auf und auch das gegenseitige Grundvertrauen darf wieder wachsen.

Auch Alternativverhalten, wie das berühren eines Targetstabes, bieten sich an, um möglichst schnell wieder in eine positive Spirale zu kommen. Das Halten von Abstand beispielsweise kann man wunderbar positiv über das Verwenden von Targets erklären und bestärken.

 

Beißen im Spiel

Schnappt ein Pferd gerne spielerisch, dann kann ich einen langen Atem und eine gehörige Portion Humor empfehlen ;). Bei den meisten Pferden legt sich diese Phase mit dem Alter wieder, andere Typen sind ihr Leben lang sehr maulaktiv. Besonders beim zweiten Typ Pferd ist es wichtig, klare Regeln in der Beziehung zu etablieren, um nicht immer wieder Grenzen erklären zu müssen.

Wir haben das bei Nathan (er ist eines dieser Typ 2 Pferde) so gelöst, dass er immer anfragen darf ob wir uns auf Maulspielchen einlassen wollen oder nicht. Wenn wir ihm kein “Nein” signalisieren, dann darf er sanft herumnesteln und meistens steigen wir dann einfach ein und kneifen spielerisch in seine Nase – was er im Übrigen ganz famos findet ;). Er ist dabei auch sehr achtsam und unterscheidet sehr deutlich zwischen uns und seinen Kumpels, bei denen er auch mal herzhaft zubeißt – für mich ein weiterer klarer Hinweis darauf, dass Pferde uns sehr gut als Nicht-Pferde erkennen können. Wenn wir aber deutlich “Nein” sagen und auch die Körpersprache abwehrend ist, dann versteht er dies sofort und bleibt meist entweder auf Abstand oder beschränkt sich auf das sanfte Abschlecken unserer Hände.

Dass das so gut funktioniert, war ein Lernprozess. Über die Zeit lernen Pferde sehr gut die Energie des Menschen zu interpretieren und können freundliche und einladende Körpersprache und Klanglaute von abwehrenden und missmutigen unterscheiden. Erleichtern kann man diesen Lernprozess indem man vor allem die Momente gezielt bestärkt, in denen das Pferd von sich aus einlenkt und ein “Nein” akzeptiert. Aber auch die eigene Rücksichtnahme auf die Emotionen des Pferdes etablieren einen achtsamen Umgang miteinander. Wie oben erwähnt, haben wir eine Vorbildfunktion inne. Wir können diese auch zu unserem Vorteil nutzen, indem wir uns ganz bewusst so verhalten, wie wir es auch von unserem Gegenüber wünschen würden.

 

Strafen als Affektreaktion

Meiner Meinung nach wird sich eine Affektreaktion nicht immer verhindern lassen. Ich habe auch schon aus Schmerz oder Angst um mich geschlagen, um meinen Körper zu schützen.

Entscheidend ist für mich das Bewusstsein darüber, dass solch ein Verhalten nie die Lösung darstellt sondern bestenfalls unsere momentane Sicherheit gewährleistet.

Schlimmstenfalls bildet eine solche Affektreaktion den Einstieg in eine Negativspirale. Ich sehe diese Momente daher als Warnzeichen dafür, dass etwas in unserem Umgang miteinander noch nicht ausreichend geklärt ist und arbeite daran, dass ich solche Situationen in Zukunft verhindern kann. Außerdem hat jeder die Wahl zwischen der bloßen Selbstverteidigung und dem willentlichen Zufügen von Schmerz zum “Ausgleich” für ein Verhalten. Für mich persönlich reicht ein deutliches Wegschieben oder ruhiges Wegschicken völlig zur Entschärfung eines Konflikts aus, wenn ich einmal die Situation nicht vorausschauend lösen konnte. Schreien oder das Pferd schlagen sind in meinen Augen weder jemals nötig noch angemessen. Oft haben wir auch die Wahl, die Situation einfach zu beenden, indem wir uns selbst vom Pferd entfernen oder eine Trainingseinheit beenden.

Denn wie eingangs erwähnt: Das Verhalten deutet lediglich auf die Ursache hin. Beheben wir das Verhalten, dann sucht sich die Ursache einfach ein anderes Ventil. Beheben wir aber die Ursache, dann verschwindet auch das Verhalten.

 

In diesem Sinne hoffe ich, dass der Text für dich hilfreich war. Wenn du noch Fragen zu dem Thema hast und deinen konkreten Fall teilen möchtest, dann schreibe uns gerne einen Kommentar oder eine persönliche E-Mail an flourishalona@gmail.com. 🙂

PS: Weitere Informationen zum Thema “Strafen im Pferdetraining” findest du in diesem Artikel von Anni. Hierin beschreibt sie im Detail die lerntheoretischen Hintergründe und liefert viele Argumente, warum die Strafe als bewusste Erziehungsmethode in der modernen Zeit keinen Platz mehr hat.

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