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Dein Pferd ist respektlos? Warum Respekt NICHT hilft, Verhaltensprobleme sanft zu lösen

Ist dein Pferd respektlos?

Dein Pferd ist in der Bodenarbeit abgelenkt. Beim Longieren lässt es sich nicht rausschicken. Und dann trampelt  es auch noch wie der Elefant im Porzellanladen in deinem persönlichen Raum herum.
 

Also haben wir es mit einem respektlosen Pferd zu tun, oder?

 
Und wahrscheinlich hast du von anderen zu hören bekommen, dass du dir mehr Respekt verschaffen musst. Dass du so ein Verhalten nicht durchgehen lassen kannst!

Du solltest souverän und bestimmt auftreten, damit dein Pferd dich als Führung anerkennt.

Nur irgendwie funktioniert das nicht so richtig. Vielleicht fehlt es dir einfach an natürlicher Autorität. An Selbstsicherheit… Aber wie bekommst du die? Schwierig.
 

Und leider fühlt sich das alles auch gar nicht nach dir an.

 
Deshalb nehmen wir mal an, das Problem wäre gar nicht “fehlender Respekt”. Nehmen wir an, das Problem bestünde darin, dass wir das Verhalten von Pferden überhaupt erst als respektlos EINORDNEN.

Bist du neugierig und steigst mit mir tiefer in diese Hypothese ein?

Dann lass uns loslegen 🥾.
 
 

Was bedeutet Respekt überhaupt?

Das Wort Respekt kommt vom lateinischen respectus, was so viel wie “Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung” bedeutet. Bis hierhin wäre ich dabei.

Ja, ich hätte gern, dass mein Pferd Rücksicht auf mich nimmt. Dass es mich in seinen Handlungen berücksichtigt. Ebenso, wie ich mein Pferd in meinen Entscheidungen berücksichtigen will.

Wenn wir von Respekt sprechen, meinen wir aber nicht einfach, dass jemand Rücksicht nimmt. Wir meinen, dass man eine andere Person achtet und wertschätzt.

Das bedeutet:

Jemand, der einer anderen Person mit Respekt begegnet, erkennt an, dass diese Person über einen Wert verfügt. Über Charakteristika, die diese Person achtenswert machen.

Stellt sich die Frage, ob ein Pferd überhaupt dazu in der Lage ist, auf diese Weise Respekt zu empfinden.
 
 

Können Pferde respektlos sein?

Es gibt eine weitere Bedeutung von Respekt:

Respekt im Sinne von Furcht vor einer Person. Die Furcht vor der Möglichkeit, dass die Person ihre Macht nutzt, um gegen einen vorzugehen. Diese Furcht werden auch viele Pferde vor dem Menschen empfinden.

Doch das ist nicht die Art Respekt, auf die wir abzielen.

Können Pferde Respekt empfinden im Sinne von Achtung und Wertschätzung? Sind sie in der Lage, einen Menschen zu berücksichtigen, weil sie Qualitäten in ihm erkennen, die achtenswert sind?

Respekt wäre, wenn dein Pferd sein Verhalten dir gegenüber verändert, weil es deinen Wert erkennt. Und zwar unabhängig davon, ob es dich mag oder sich von seinem Verhalten etwas erhofft.

Das hört sich nicht besonders plausibel an. Aber was fehlt Pferden zu dieser Fähigkeit?
 
 

Was es für “Respekt” wirklich braucht

Die meisten Menschen würden sich mit einer klaren Definition von “Respekt” schwer tun. Denn es handelt sich dabei um ein abstraktes Konzept.

Respekt können wir nicht sehen, anfassen oder riechen. Wir erschaffen “Respekt”, indem wir verschiedenste Situationen, Verhaltensweisen, Beobachtungen und Annahmen unter diesem Wort zusammenfassen.

Dabei ist es entscheidend, dass wir ein Wort für dieses abstrakte Konstrukt haben. Was haben die Situationen “den Verkäufer an der Supermarktkasse grüßen”, “den Ausdruck der eigene schlechte Laune der Miteinstellerin gegenüber unterdrücken” und “dem Menschen Platz machen, sobald er mit ernstem Blick auf die Hinterhand zugeht” gemeinsam? (Letztere natürlich aus Sicht eines Pferdes).

→ In all diesen Situationen können wir von Respekt sprechen.

Und zwar nicht, weil es sich dabei zwangsläufig um Respekt handelt, sondern weil wir Menschen in der Lage sind, ein Wort zu nehmen, und es nach Belieben mit Bedeutung zu füllen. Also Gemeinsamkeiten in diesen Situationen zu sehen – unabhängig davon, ob diese ein fünfjähriges Kind ohne Kenntnis des Konzepts “Respekt” ebenso sehen würde.

Pferde haben kein Wort für Respekt. Und dadurch dürfte es ihnen schwer fallen, solch unterschiedliche Situationen – ohne sichtbare Gemeinsamkeiten außer der Anwesenheit von zwei Lebewesen – als gleichartig einzuordnen.
 
 

Respekt im Herdenverhalten der Pferde

Unwahrscheinlich ist, dass Pferde sich etwas denken wie: “Ich erkenne, dieser Mensch hat einen Wert, dem gegenüber ich durch mein rücksichtsvolles Verhalten meine Achtung ausdrücken sollte”.

Aber haben Pferde keine Achtung vor authentisch ranghohen Tieren? Vor erfahrenen Leitstuten? Vor mächtigen, starken Hengsten?

Womöglich.

Wir müssen aber auch bedenken, dass Pferde von anderen Pferden großgezogen werden. Das bedeutet:
 

Sie werden erzogen.

 
Sie LERNEN, welches Verhalten welchen anderen Tieren gegenüber geduldet wird. Welches Verhalten willkommen ist und welches Verhalten ihnen unangenehme Konsequenzen einbringt.
 
 

Respektvolles Verhalten – Der entscheidende Unterschied zwischen Pferd und Mensch

Wir Menschen haben ein abstraktes Konstrukt, das wir Respekt nennen. Und wir lernen von den Menschen, die uns großziehen, weshalb wir anderen Wesen mit Respekt begegnen sollten, welches Verhalten als respektvoll gilt und was die Konsequenzen für respektloses Verhalten sind.

Dieses abstrakte Konzept können wir auf unterschiedlichste Gegebenheiten übertragen:

Wir können nicht nur anderen Menschen mit Respekt begegnen, sondern auch Tieren, der Umwelt, Institutionen… Wir können mit dem Konzept von Respekt bewusst entscheiden, bestimmte Menschen z.B. aufgrund ihrer politischen Einstellungen nicht zu respektieren. Wir können daran glauben, dass jedes Lebewesen verdient hat, respektiert zu werden oder daran, dass man sich Respekt erst verdienen muss.

Der entscheidende Punkt ist aber:

Respekt beschränkt sich beim Menschen NICHT auf erlerntes Verhalten.

Respekt ist eine Idee. Eine Idee, die wir mit Bedeutung füllen können, wie wir lustig sind.

Pferde haben nur ihr erlerntes, anerzogenes Verhalten.

Und ja, dieses anerzogene “respektvolle” Verhalten mögen sie vielleicht ausschließlich “ranghöheren/mächtigeren” Tieren gegenüber zeigen. Aber bedeutet das, dass sie Achtung vor diesen Pferden empfinden? Oder wollen sie schlicht vermeiden, bestraft zu werden – womöglich aus der Herde vertrieben zu werden?

Wenn wir sagen, ein Pferd verhalte sich respektlos, dann sprechen wir dem Pferd eine Absicht zu. Die Absicht, mit seinem Verhalten eine Missachtung unseres Werts auszudrücken.

Wir haben darüber gesprochen, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass Pferde so eine Absicht ausdrücken wollen. Weshalb bezeichnen wir pferdisches Verhalten dann überhaupt als respektlos?
 
 

Was ist im Umgang mit Pferden gemeint, wenn von Respekt gesprochen wird?

Bei welchem Verhalten sprechen wir vom respektlosen Pferd?

  • wenn das Pferd den Menschen nicht beachtet
  • wenn das Pferd auf ein Signal nicht gehorcht
  • wenn das Pferd sich übergriffig/aggressiv/abwehrend/gefährlich verhält
  • wenn das Pferd etwas tut, was der Mensch nicht will

In all diesen Situationen sehen wir eine Kluft zwischen dem, was der Mensch will und dem, was das Pferd macht.

Was viele alternative Methoden nun postulieren:

Würde dein Pferd dich respektieren (= als Leittier anerkennen), würde es genau das machen, was du willst.

Wenn dein Pferd dich respektiert, ist es im Gelände nicht mehr nervös. Dann lässt es sich ohne Probleme angaloppieren. Sobald es dich als Führung anerkennt, folgt es dir brav überall hin.

Gehen wir davon aus, dass Pferde aufgrund von fehlender Sprache kein abstraktes Konzept von “Respekt” haben (denn darauf deutet alles hin). Es muss also einen anderen Grund geben, aus dem Pferde dem Menschen gehorchen. Besonders, wenn dieser Gehorsam bis zum Kadavergehorsam führt.
 
 

Wenn Gehorsam nicht durch Respekt entsteht, wodurch dann?

Das fehlende Puzzleteil:

Lernen.

So einfach ist das.

Pferde LERNEN, dass es besser ist, dem Menschen zu gehorchen, als sich zu widersetzen. Pferde LERNEN, dass sie unangenehme, teilweise schmerzhafte Konsequenzen zu fürchten (nicht respektieren) haben, wenn sie nicht tun, was der Mensch fordert.

Und auch wenn vielerorts das Gegenteil behauptet wird:

Von ihrem Wesen her scheinen Pferde eher nach Harmonie als nach Macht zu streben. Viele Pferde brauchen keine großen unangenehmen Konsequenzen, um dem Menschen zu gehorchen. Viele Pferde gehen Konflikten eher aus dem Weg. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Pferde sind Flucht- und soziale Herdentiere. Sie können leicht eingeschüchtert werden. Dennoch ist “respektvolles” (= gehorsames) Verhalten erlerntes Verhalten. In den allermeisten Fällen durch Einschüchterung und negative Konsequenzen erlerntes und auf die verschiedensten Situationen mit dem Menschen generalisiertes Verhalten.
 

Gehorsames Verhalten ist erlerntes Verhalten.

 
 

Hat das Pferd “Respekt”? Oder hat es einfach gelernt, aufzugeben?

Es hört sich netter an, davon zu sprechen, man hätte sich den Respekt seines Pferdes verdient. Dass das Pferd einen als Leittier anerkennt. Dass das Pferd sich unter der menschlichen Führung so sicher und geborgen fühlt, dass es für seinen Menschen alles zu tun bereit ist.

Es hört sich schöner an als zu sagen:

Ich habe meinem Pferd so entschieden gezeigt, dass es unangenehm, schmerzhaft und AUSSICHTSLOS ist, sich zu widersetzen, dass es jetzt gar nicht mehr versucht, einen Ausweg zu finden.

Was mich an dieser Argumentation am meisten verstört: Dass Menschen ihr eigenes respektloses, übergriffiges, teilweise gewalttätiges Verhalten Pferden gegenüber damit rechtfertigen, dass das Pferd sich angeblich respektlos verhalten würde. Damit, dass das Pferd Respekt lernen muss.

Das kann es gar nicht!

Wir Menschen können Pferden mit Achtung begegnen. Wir sind kognitiv in der Lage den Wert eines jeden Pferdes anzuerkennen und zu respektieren. Pferde nicht als Mittel zum Zweck zu betrachten.

Das Problem mit der Zuschreibung von “Respekt” als Begründung für das Verhalten des Pferdes ist aber kein reines das-Kind-nicht-beim-Namen-nennen.

Besonders wenn du dir einen sanften Umgang wünschst, kann es dich in die völlig falsche Richtung führen, wenn du das Verhalten deines Pferdes vorschnell als “respektlos” einordnest.

Wieso?
 
 

Drei Probleme mit der Zuschreibung “Respektlosigkeit” als Ursache für Verhalten im sanften Pferdeumgang

Wenn du das Verhalten deines Pferdes als respektlos einstufst, beeinflusst das, wie du auf dieses Verhalten reagierst:

Für gewöhnlich reagieren wir auf vermeintlich respektloses Verhalten des Pferdes mit Strafe. Du setzt dich durch. Du zeigst deinem Pferd, dass es sich dir gegenüber nicht so verhalten kann.

Das kann zu drei großen Problemen führen:
 
 

1. Eine freundschaftliche Beziehung wird unmöglich

Ein Umgang, der grundlegend darauf aufbaut, dass dein Pferd sich vor negativen Konsequenzen für “Fehlverhalten” fürchtet, wird schwerlich positive Gefühle hervorrufen und in einer Freundschaft enden.
 
 

2. Gefahr: Man zieht sich ein Problempferd heran

Verhalten einfach zu deckeln, lässt das Verhalten erstmal verschwinden. Aber häufig nur, um dann noch extremer aus dem Pferd hervorzubrechen.

Kennst du Pferde, die plötzlich den Reiter abbocken? Die ohne Vorwarnung steigen? Die Austreten, ohne das vorher irgendwie anzukündigen?

Das sind Pferde, denen gezeigt wurde, dass sie sich so nicht verhalten können. Nur leider wurde die Ursache für das Verhalten dadurch nicht abgestellt. Und irgendwann kann sich das Pferd einfach nicht länger zusammenreißen. Auch, wenn es große Furcht vor der Strafe hat.

So entsteht extrem gefährliches Verhalten. Steigen, Treten, Beißen, Bocken – meistens wird dieses Verhalten wieder grob abgestraft. Wodurch das Pferd sein Ausdrucksverhalten erneut unterdrückt. So lange, bis es wieder aus ihm herausbricht. Ein Problempferd ist erschaffen.
 
 

3. Das Pferd rutscht in die erlernte Hilflosigkeit

Im anderen Extremfall kann das rigorose Strafen vieler Verhaltensweisen (= “dem Pferd Respekt beibringen”) auch in die erlernte Hilflosigkeit führen. Aus so einem Pferd bricht kein plötzliches gefährliches Verhalten hervor.

Wieso nicht?

Pferde in der erlernten Hilflosigkeit haben gelernt, dass es keinen Unterschied macht, ob sie sich widersetzen oder nicht. Sie geben komplett auf und fügen sich ihrem Schicksal. Was das für die Seele des Pferdes bedeutet, kannst du dir als empfindsamer Pferdemensch sicher vorstellen.

Und on top haben wir noch ein viertes Extra-Problem, wenn wir Verhalten einfach als “respektlos” wegsortieren:
 
 

4. Schwammige Ursachenzuschreibung

“Respektlosigkeit” als Ursache für das Verhalten deines Pferdes? Wenn du damit okay bist, deinem Pferd einfach zu zeigen, wo es langgeht, dann mag dir das weiter helfen.

Wenn du dein Pferd wirklich verstehen willst – eher nicht.

Wenn du Probleme im Umgang mit deinem Pferd sanft und ohne schlichte Unterdrückung lösen möchtest, musst du bestmöglich verstehen, wieso sich dein Pferd so verhält.

“Weil es eben respektlos ist” fördert kein tiefes Verständnis!

Denn was will dein Pferd mit seinem vermeintlich respektlosen Verhalten bezwecken? Wodurch wird dieses Verhalten angetrieben?

Tipp: Das Streben nach Macht über den Menschen ist es nicht.
 
 

Wann macht es Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob dein Pferd dich “respektiert”?

Es gibt zwei Ausnahmen, bei denen es sinnvoll sein kann, im Zusammenhang mit Pferden mit “Respekt” zu kategorisieren:

1. Wenn du Macht über dein Pferd haben willst (UND keinen Umgang auf Augenhöhe).

Zugleich sollten die folgenden Punkte auf dich zutreffen:

  • Gehorsam hat für dich Priorität
  • tiefere Ursachen für das Verhalten deines Pferdes sind dir nicht so wichtig (dein Pferd soll trotzdem gehorchen – auch wenn alles was in deinem Pferd vorgeht dagegen spricht)
  • du glaubst daran, dass Pferde über ausreichend ausgefuchste Kognitionen verfügen, um ein Konzept von “Respekt” zu haben → dann solltest du dich aber auch fragen, wie du Eigenschaften entwickeln kannst, die in deinem Pferd ganz von selbst ein Gefühl von Ehrfurcht/Achtung hervorrufen – und dich nicht darauf verlassen, dass du dich einfach nur durchsetzen musst

Und die zweite Situation, in der der Gedanke an Respekt helfen kann:

2. Wenn du in einem Umgang auf Augenhöhe mit deinem Pferd merkst, dass du deine eigenen Grenzen deinem Pferd gegenüber nicht wahrst. ABER die eigenen Grenzen zu wahren hat nichts damit zu tun, Macht ÜBER das Pferd auszuüben.

In allen anderen Fällen gibt es geeignetere Konzepte. Konzepte mit denen du dein Pferd besser verstehen und problematisches Verhalten auflösen kannst, ohne dass du dir vehement Respekt verschaffen musst.

Lass uns dazu einen Blick in die Praxis werfern: Wann hilft dir die Idee von Respekt(losigkeit) nicht weiter – und welche Konzepte könnten stattdessen helfen?
 
 

Wann dir “Respekt” nicht weiterhilft – und sogar großen Schaden anrichten kann

Wann immer einer der folgenden Punkte die Ursache für das Verhalten deines Pferdes sein könnte, kann es schädlich sein, Respekt einzufordern:

  • ungestillte Grundbedürfnisse (Futter, Bewegung, Sozialkontakt)
  • Krankheit
  • Schmerzen
  • Stress
  • Unwohlsein
  • Angst
  • Probleme mit der Impulskontrolle und Affektregulation
  • fehlendes Verständnis der Aufgabe
  • oder bisher nicht gelernt haben, welches Verhalten sich in dieser Situation lohnt/nicht lohnt

Spannenderweise kann JEDES Problem im Umgang mit Pferden durch zumindest einen (meist mehrere) dieser Punkte erklärt und GELÖST werden.
 

Wir brauchen schlicht keinen Respekt vom Pferd.

 
Und ist es nicht erleichternd, dass dich nicht zu einer souveränen, natürlichen Führungspersönlichkeit entwickeln musst, wenn du eher Typ sanfte Elfe bist 🧚? (Auch wenn du auch für den sanften Umgang mit Pferden einiges an Fähigkeiten und Eigenschaften erlernen und entwickeln musst.)

Die Zuschreibung von “respektlos” impliziert, dass das Pferd einfach nicht will. Dass es außerdem keinen Grund sieht es aus Achtung vor dem Menschen dennoch zu tun. Kann man dran glauben.

Wir können aber auch daran glauben, dass Pferde lieber in Harmonie mit uns kooperieren, als gegen uns anzukämpfen. Wenn das der Fall ist, muss es für jede Widersetzlichkeit einen guten Grund geben. Den zu finden ist nicht immer leicht. Manchmal ein Unterfangen, dass das Hinzuziehen zahlreicher Experten (Trainer*innen, Osteos, Tierärzt*innen, Dentist*innen, Stoffwechseltherapeut*innen…) erfordert. Manchmal ein Unterfangen, bei dem man über lange Zeit nicht weiterkommt.

Aber es ist ein Zeichen von Respekt dem Wesen der Pferde gegenüber. Ihrer sanftmütigen Natur gegenüber.
 

Wir können nicht in unsere Pferde hineinblicken. Wir sollten vorsichtig damit sein, ihr Verhalten leichtfertig als “auf der Nase des Menschen herumtanzen” abzutun.

 
Okay, lass uns einen Sprung in die Praxis machen 🥾⛰.
 
 

Die Lösung: Sanftes Pferdetraining statt “Dir Respekt verschaffen”

Lass uns eines der Beispiele vom Anfang nehmen und schauen, wie du im sanften Pferdetraining damit umgehen könntest.

Ein gern als “respektlos” beschriebenes Verhalten: Das Pferd beschäftigt sich mit allem. Nur nicht mit dem Menschen.

Abgelenkte, unkonzentrierte Pferde reagieren verzögert. Das erscheint “respektlos”.

Ich werde drei mögliche Ursachen für dieses Verhalten erläutern. Je nach Ursache unterscheidet sich der Lösungsansatz. Darum lohnt es sich, viele verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Für jede Ursache gebe ich dir außerdem eine Ansatz an die Hand, mit dem diese Thematik aufgelöst werden kann – ohne dass du Respekt von deinem Pferd einfordern musst.
 
 

Praxisbeispiel “Respektloses Pferd”: Dein Pferd ist in der Bodenarbeit abgelenkt und unkonzentriert.

Mögliche Ursache 1: Dein Pferd fühlt sich in der Umgebung nicht sicher und hält deshalb stets nach Gefahren Ausschau.

Gerade hier wird gern angenommen, der Mensch müsste nur die Führung übernehmen, damit das Pferd sich sicher fühlen würde und sich dementsprechend fokussieren könnte.

Auf Spaziergängen mit unserer Pferdeherde (inklusive unserem authentischen “geborenen” Herdenchef) lässt sich beobachten, dass die Pferde in ungewohnten oder unübersichtlichen Umgebungen ihren Fokus mehr auf die Umwelt lenken. Und zwar AUCH dann, wenn “ihr Leittier” (falls man davon sprechen kann) dabei und entspannt ist.
 

Eine anwesende “Führungsperson” nimmt deinem Pferd nicht automatisch das Bedürfnis, wachsam zu sein.

 
Ganz im Gegenteil: Wie soll ein einzelnes Pferd 24/7 auf die ganze Gruppe aufpassen? Viele Augen sehen mehr als zwei, können sich abwechseln und sich so gegenseitig schützen. Jedes Mitglied der Gruppe trägt Verantwortung für deren Sicherheit.

Aufpassen (= “abgelenkt sein”) gehört zum Wesen unserer Pferde. Ein Stück weit sollten wir uns damit arrangieren.

Ein möglicher Lösungsansatz könnte folgende Punkte beinhalten:

  • das Pferd schrittweise mit der Umgebung bekannt machen
  • Bewegung des Pferdes nicht zu stark einschränken
  • den Fokus mit leisen Anfragen immer wieder auf den Menschen zurücklenken und bestärken → einen flexiblen Fokus entwickeln
  • Selbstsicherheit und Mut stärken

 
Mögliche Ursache 2: Dein Pferd hat kein Interesse an den Aufgaben, die du stellst

Fehlendes Interesse kann aus Überforderung, negativen Erfahrungen (und dadurch Dissoziation) oder ungestillten Grundbedürfnissen resultieren. Diese Punkte können die Grundmotivation schmälern.

Oft werden Aufgaben aber auch einfach so gestellt, dass es sich aus Sicht des Pferdes nicht lohnt, sich mit ihnen zu befassen. Dein Pferd beschäftigt sich dann lieber mit seiner Umwelt.

Ein möglicher Lösungsansatz könnte folgende Punkte beinhalten:

  • die Aufgabe lohnenswert machen, indem du sie mit (aus Sicht des Pferdes) erstrebenswerter Konsequenz verknüpfst
  • im Sweetspot zwischen Über- und Unterforderung arbeiten
  • Vorlieben des Pferdes nutzen
  • aktuelle Wünsche/Bedürfnisse des Pferdes einbeziehen
  • negative Vorerfahrungen des Pferdes aufarbeiten

 
Mögliche Ursache 3: Die Aufgaben sind für das Pferd körperlich unangenehm oder erinnern an negative Erfahrungen.

In diesem Fall blenden viele Pferde sich mental weg, indem sie sich der Umwelt zuwenden. Es ist ihnen unangenehm, in der Verbindung mit ihrem Körper, der Situation, dem Menschen und der Aufgabe zu sein. Das Pferd dissoziiert – es stellt eine Distanz zwischen Körper und Geist her.

Ein möglicher Lösungsansatz könnte folgende Punkte beinhalten:

  • Aufgaben so stellen, dass sie körperliches Wohlgefühl verbessern
  • Vertrauen des Pferdes in den neuen sanften Umgang stärken, indem man zuverlässig positive Erfahrungen kreiert
  • selbst weich und liebevoll bleiben (Druck vermeiden)
  • dem Pferd kleinschrittig (sehr niedrige Anforderungen) zeigen, dass es sicher ist, sich mit der Situation auseinanderzusetzen
  • Nein des Pferdes und seine Selbstsicherheit stärken

Du erkennst vielleicht direkt, dass keine dieser Lösungen “mal eben” dazu führt, dass dein Pferd funktioniert. Jeder dieser Lösungsansätze ist darauf ausgerichtet, die inneren Prozesse deines Pferdes zu verändern. Es mutiger, selbstsicherer zu machen. Ihm beizubringen, seine Aufmerksamkeit mit Leichtigkeit ganz flexibel auf dich lenken zu können. Neue Erwartungen in deinem Pferd zu erschaffen, weil es positive Erfahrungen macht.

Wenn wir langfristig sanft mit Pferden umgehen wollen, braucht es diese innere Entwicklung des Pferdes. Du willst dich nicht einfach durchsetzen und den Respekt deines Pferdes einfordern. Also musst du dein Pferd in die Lage versetzen, ganz leicht Ja zu deinen Fragen und Ideen sagen zu KÖNNEN.
 
 

Grundlagen für einen sanften Umgang mit problematischen Verhaltensweisen

Das Praxisbeispiel hat gezeigt, wie du Verhaltensweisen begegnen kannst, die du früher vielleicht als “respektlos” angesehen und einfach gestraft hast.

Hier die wichtigsten Regeln im Überblick:

1. Adressiere mit deiner Lösung die aktuellen Bedürfnisse und Ziele deines Pferdes. Ignoriere nicht einfach, was dein Pferd gerade will. In einer Freundschaft geht man aufeinander ein, statt einfach seinen Willen durchzusetzen.

2. Bringe deinem Pferd schrittweise das Verhalten bei, das du dir in den verschiedensten Situationen wünschst. Korrektes Verhalten entsteht nicht dadurch, dass dein Pferd dich respektiert. Dein Pferd muss LERNEN, welches Verhalten du dir wünschst. Und es muss die Fähigkeiten entwickeln, die es braucht, um das Verhalten überhaupt ausführen zu KÖNNEN.

3. Nimm nicht einfach an, dass dein Pferd alles toll findet, was du von ihm willst. Motivation ist etwas, dass wir uns häufig erst erarbeiten müssen. Wenn du eine Beziehung auf Augenhöhe führen willst, ist die Lösung nicht, dich einfach durchzusetzen. Gestalte euren Umgang so, dass die Motivation deines Pferdes mit jedem Tag wächst.
 
 

Aber was ist mit Pferden, die einfach gelernt haben, dass sie sich alles erlauben können

Nicht jedes Verhalten des Pferdes hat damit zu tun, dass die Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, es wirklich nicht kann, nicht verstanden hat was du willst oder die Aufgabe für das Pferd extrem unangenehm ist.

Manchmal hat dein Pferd auch einfach gelernt, wie es sich einer unliebsamen Aufgabe entziehen kann.

Das hat aber nichts mit mangelndem Respekt zu tun.

Pferde zeigen das Verhalten, dass sich für sie lohnt. Dein Pferd wird nicht mitarbeiten, wenn sich zu entziehen lohnenswerter ist als zu kooperieren.

In einer freundschaftlichen Beziehung ist mir wichtig, dass mein Pferd gern bei den Aufgaben mitmacht, die wir gemeinsam erledigen. Das ist aber nicht immer möglich.
 

Manche Aufgaben sind unangenehm und bleiben unangenehm.

 
Eine medizinische Behandlung, Rehatraining oder eine Hängerfahrt wird sich womöglich nie gut anfühlen. Es mag sein, dass ich mich in diesen Situationen entscheide, mich einfach durchzusetzen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass mein Pferd mich sonst nicht respektieren würde. Es ist einfach eine praktische Erwägung. Wenn es gerade wichtiger ist, dass mein Pferd sich bewegt, damit es ihm körperlich besser geht, dann verzichte ich zeitweise darauf, dass es ultra Spaß am Training hat.

In allen anderen Situationen ist es meine Verantwortung, Aufgaben so zu gestalten, dass mein Pferd leicht und gern Ja zu ihnen sagt/sagen kann.

Das geht häufig sogar, wenn es sich um erstmal unangenehme, anstrengende oder schwierige Aufgabe handelt (z.B. mit Fliegenspray einsprühen, in den Hänger gehen, gymnastizierende Bodenarbeit…). Es ist nur nicht so leicht, wie sich einfach durchzusetzen.

Die Kooperationsbereitschaft des Pferdes lässt sich ausbauen. Dazu musst du unangenehme, anstrengende und schwierige Aufgaben so gestalten, dass dein Pferd daraus eine positive Schlussfolgerung zieht. So, dass es für dein Pferd möglichst leicht und lohnenswert ist, zu kooperieren.
 
 

Fazit: Dein Pferd ist nicht respektlos, dein Pferd ist ein Pferd

Und Pferde verhalten sich entsprechend ihrer Bedürfnisse. So, dass ihr Verhalten zu den Ergebnissen führt, die aus ihrer Sicht erstrebenswert sind.

Wenn du eine Freundschaft und eine Beziehung auf Augenhöhe zu deinem Pferd aufbauen? Dann gilt es, dieses Prinzip zu verstehen. Und es im Umgang mit deinem Pferd so ANZUWENDEN, dass dein Pferd positive Erfahrungen mit dir macht.
 
 

Willst du herausfinden, aus welchen Ursachen das vermeintlich “respektlose” Verhalten deines Pferdes resultiert?

In unserer 2:1-Arbeit gehen wir den Faktoren auf den Grund, die in Verhaltensprobleme hineinspielen.
 

Das Ziel: Probleme sanft und gewaltfrei auflösen.

Kommt es zu Verhaltensproblemen, fehlt es deinem Pferd an Fähigkeiten und inneren Ressourcen. Du lernst, mit deinem Pferd das zu erarbeiten, was es braucht, um sich überhaupt anders verhalten zu KÖNNEN, zum Beispiel:

  • seine Bedürfnisse aktiv zu kommunizieren statt “aus der Haut zu fahren”
  • den Mut, sich beunruhigenden Situationen zu stellen
  • die Motivation, sich mit schwierigen oder anstrengenden Aufgaben zu befassen

 

Deine Aufgabe: Dein Pferd durch eine INNERE ENTWICKLUNG begleiten.

Dazu brauchst du Wissen, Werkzeuge und Fähigkeiten, zum Beispiel:

  • Bedürfnisorientierung – Lernerfahrungen im Rahmen der Bedürfnisse des Pferdes gestalten
  • Kompromissfindung – die Grenzen von Pferd und Mensch berücksichtigen und Aufgaben dadurch meistern
  • konstante Kommunikation statt “jeder macht sein Ding”

 

Jetzt erfahren, wie ein sanfter Umgang funktionieren kann 🧚🌿

 

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