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Respektloses Pferd? – 2. Was du tun kannst, wenn dein Pferd gefährlich und aggressiv ist

Was tun, wenn dein Pferd dir oder anderen Menschen gefährlich wird?

Die Standardlösung für alle scheinbaren Respektlosigkeiten:

“Setz dich durch! Zeig, wer das Sagen hat!”

Eine Lösung, die unseren feinfühligen, sozialen Pferden nicht gerecht wird. Und die sich auch für dich nicht gut anfühlt, oder 🤍?

Verhalten, hat immer gute Gründe und will verstanden werden.

In dieser Beitragsreihe schauen wir uns deshalb etwas genauer an, was gewöhnlich in die Schublade mit der Aufschrift “respektlos” geschmissen wird.

Den ersten Artikel dieser Reihe findest du hier:

Respektloses Pferd? – 1. Weshalb dein Pferd sich rüpelig, gefährlich oder respektlos verhält

Heute stelle ich dir einen Prozess in 7 Schritten vor, mit dem potenziell gefährliches oder aggressives Verhalten “abtrainiert” werden kann. Geh solche Probleme aber nicht auf eigene Faust an, sondern hol dir unbedingt erfahrene Hilfe, damit niemand zu Schaden kommt ⚠️!
 

🧚 Anmerkung:

Das Konzept von “Respekt und Respektlosigkeit” habe ich in diesem Artikel hinterfragt:

Dein Pferd ist respektlos? Warum Respekt NICHT hilft, Verhaltensprobleme sanft zu lösen


 
“Respekt” ist ein menschliches Konzept, das Pferde meiner Ansicht nach nicht besitzen. So kommt es zu Fehlinterpretationen, die einer tiefen Pferd-Mensch-Beziehung und einem harmonischen Alltag im Weg stehen.

Wenn ich im Folgenden von “respektlos” spreche, dann meine ich damit also nur unsere menschliche Kategorisierung und spreche nicht aus Sicht der Pferde. Die Wortwahl dient vor allem der Auffindbarkeit dieser Artikelserie.
 
 

Wie dein Pferd dir gefährlich wird

Im ersten Beitrag haben wir die Klassen vermeintlich respektlosen Verhaltens besprochen.

Nochmal zur Erinnerung:

  • Bedürfnis- und Emotionsausdruck
  • Übersprungshandlungen
  • Ungehorsam
  • Abwehrverhalten
  • Verhaltensmuster

Insbesondere Abwehrverhalten, aber auch Übersprungshandlungen können für dich gefährlich werden. In bestimmten Fällen natürlich auch Ungehorsam oder Verhaltensmuster.
 
 

Typisches aggressives Verhalten, das gern als respektlos eingestuft wird, ist

  • Ohren anlegen
  • Kopfschlagen
  • Schnappen & Beißen
  • Schweifschlagen
  • Andeuten und Ausführen von Tritten
  • Bocken
  • Steigen

Was kannst du tun, wenn dein Pferd dir gefährlich wird?

Der Antwort kommst du näher, wenn du verstehst, was es dir sagen will, wenn es beißt, tritt oder steigt.
 
 

Was dein Pferd mit aggressivem (gefährlichen) Verhalten bezwecken will

Abwehrverhalten kommuniziert eine Grenze des Pferdes. Dein Pferd hat ein Problem mit der Aufgabe, diner Forderung oder der Situation. Also wehrt es sich gegen eine Berührung, ein Kommando oder dagegen, sich so zu verhalten, wie du das willst.

Dein Pferd legt die Ohren an? Es schlägt mit dem Kopf oder Schweif? Dann sagt es sehr laut und deutlich “Nein!”.

Normalerweise greifen Pferde erst sehr spät zu solch deutlichen Mitteln. Wenn dein Pferd bockt, tritt oder beißt, ist das aus Sicht deines Pferdes die beste Lösung, die es für sein Problem hat.
 

Es geht also darum, deinem Pferd eine besser Lösung zu geben.

 
Was aber meistens gemacht wird?

Genau das Gegenteil.
 
 

Was du NICHT tun solltest, wenn dein Pferd gefährliches Verhalten zeigt: Mit Strafe Öl ins Feuer gießen

Statt dem Pferd eine bessere Lösung zu geben, machen die meisten Reiter folgenden (oft fatalen) Fehler:

❌ Sie schlagen das Pferd, wenn es beim Gurten die Ohren anlegt.
❌ Schreien laut und rucken am Strick, wenn es zum Steigen ansetzt.
❌ Hauen mit der Peitsche auf die Kruppe, wenn es zu treten droht.

Im ersten Moment erscheint das sinnvoll (und ich kann so gut es nachfühlen – natürlich wollen wir uns schützen): Das Pferd muss doch lernen, dass es das nicht tun kann.

Mag sein. ABER durch die Strafe nimmst du deinem Pferd seine letzte Lösung (es hat davor meist lange versucht, sein Problem zu lösen, ohne sich mit dir in einen Konflikt zu schmeißen).

Wie reagieren dein Pferd, wenn du es strafst?

Dein Pferd wird sein Abwehrverhalten erstmal unterdrücken. Das Problem bleibt aber bestehen. Und so entstehen die Pferde, die “vollkommen unangekündigt” den Menschen angehen, treten, davonstürmen oder zubeißen.
 

Irgendwann bricht all das unterdrückte Gefühl doch wieder aus dem Pferd heraus.

 
❗️Dass dein Pferd einen Tritt andeutet, in deine Richtung schnappt oder rückwärts wegzieht und sich auf die Hinterhand setzt – das ist NICHT das Problem!

Das ist eine deutliche, unangenehme, aber immer noch für dich sichere Form der Kommunikation. Wenn du das strafst, lässt du deinem Pferd bald keine andere Möglichkeit mehr, als sich völlig in sich zurückzuziehen (→ erlernte Hilflosigkeit) oder ernsthaft gegen dich zu gehen (→ Aggression).

Das hört sich vielleicht erstmal so an als würde ich dir raten, das Verhalten deines Pferdes einfach zu ignorieren. Das tue ich nicht. Was ich sage ist:
 

Wenn dein Pferd dich anschreit, schrei nicht einfach lauter.
Frag dich lieber, wieso dein Pferd schreit.

 
(Und nein. Das hat nichts damit zu tun, dass es einfach ein respektloser Gaul ist – das spürst du doch, oder? Vertrau deinem Gefühl, egal was die anderen sagen 🧚.)

Also, wieso schreit dein Pferd?

Mit dieser Frage starten wir nun einen Prozess. Einen Prozess, an dessen Ende du einiges über dein Pferd gelernt und das gefährliche Verhalten in konstruktivere, sichere Verhaltensweisen verwandelt hast.

Los geht’s!
 
 

Was tun, wenn dein Pferd gefährlich wird? – Wie du aggressives Verhalten wie Beißen, Treten oder Steigen auflöst

 

Schritt 1: Wenn du nur eines tun kannst, wenn dein Pferd dir gefährlich wird, dann DAS – Ursachen beseitigen

Ob Abwehr- oder Übersprungsverhalten – wenn dein Pferd so laut wird, dass es gefährlich wird, hat es ein Problem. Kannst du die Ursachen abstellen? Dann kann sich das Verhalten auch auflösen (es sei denn, das Verhalten ist bereits zu einem Muster geworden – dazu später mehr).

Eines müssen wir akzeptieren:
 

“Nein” bedeutet nein.

 
Warum ist das so wichtig?

Wenn du die deutlichen Signale wie Beißen oder Steigen erstmal akzeptierst, statt sie mit Härte zu unterdrücken, kann dein Pferd wieder leiser werden.

Das fühlt sich nicht richtig an? Verständlich. Natürlich wollen wir uns verteidigen, wenn wir vom Pferd scheinbar grundlos “angegriffen” werden.

Erinner dich aber zumindest im Nachhinein daran, dass dein Pferd einen guten Grund haben muss:

Ist es gestresst? Wodurch? Ist es überfordert mit der Aufgabe? Mental oder körperlich? Oder beides?

Erinnert es sich an frühere Erfahrungen in ähnlichen Situationen, in denen es von Menschen missbraucht wurde?

Hat es Schmerzen? Vielleicht drückt der Sattel schon seit Monaten unangenehm auf dieselbe Stelle, sodass das Gurten schmerzt? Oder ist das ganze Maul voller Wunden, weil die Zähne noch nie gemacht wurden?

Ist es durch einen Unfall (von dem du vielleicht nichts weißt) traumatisiert?

Irgendwas ist da. Irgendwas stimmt nicht. Sei Detektiv und finde heraus, was es ist.

Wenn du die Ursachen aber (noch) nicht kennst, kannst du sie auch nicht abstellen. Was kannst du dann tun, um dem gefährlichen Verhalten deines Pferdes beizukommen?
 
 

Schritt 2: Was du tun solltest, wenn dein Pferd gefährlich wird und du die Ursachen nicht findest: Kommunikation und Bedürfnisbefriedigung

Wenn du die Ursachen nicht findest, kannst du Folgendes tun:

Erkenne, dass dein Pferd mit dir kommuniziert – und finde einen Weg, auf dem du dich um das akute Bedürfnis (das dein Pferd dir mitteilt) kümmern kannst.

Wenn dein Pferd sich aggressiv verhält, dann deshalb, weil eines oder sogar mehrere grundlegende Bedürfnisse in der Situation nicht gestillt sind.

Bei Abwehrverhalten (Schnappen, Beißen, Treten, Kopfschlagen, Schweifschlagen) geht es meist um körperliches Wohlbefinden.

Bei Übersprungshandlungen geht es eher um das emotionale und mentale Wohlbefinden.

Deshalb musst du hier differenzieren (auch wenn die genaue Ursache diffus bleibt):

Schnappt, beißt, tritt oder steigt dein Pferd, weil es sich körperlich unwohl fühlt? Oder weil es sich emotional oder mental unwohl fühlt?

Wenn du das erkannt hast, geht es darum, das Wohlbefinden deines Pferdes kurzfristig wiederherzustellen.
 

Wie kann das aussehen?

 
Du will deine Stute am Bauch putzen, doch sie schnappt nach dir. Das erkennst du als deutliches Nein. Sie kommuniziert dir, dass sie dort nicht berührt werden will (oder zumindest nicht auf diese Art). Weil sie ansonsten in der Umgebung und mit der Aufgabe entspannt erscheint, erkennst du, dass sie sich wohl körperlich unwohl fühlen muss.

Was kannst du tun, um ihr Bedürfnis nach körperlichem Wohlbefinden zu befriedigen?

Heute nicht am Bauch putzen und aufs Reiten verzichten.

(Und dich daran erinnern, dass man sich als Wesen mit Zyklus manchmal ganz schön unwohl und schmerzhaft in seinem Körper fühlen kann.)

Damit sind wir bei der Triggervermeidung.

Und auch wenn alle denken, dass Strafe für Sicherheit sorgt, ist Triggervermeidung die wirkliche (ungefährliche) erste Hilfemaßnahme bei aggressiven, gefährlichen Pferden.
 
 

Schritt 3: Weshalb du Trigger vermeiden solltest, wenn dein Pferd sich gefährlich verhält

Wir sprechen heute noch darüber, wie du einen kompletten, genauen Lösungsplan erstellst, der es für dein Pferd vollkommen überflüssig macht, sich gefährlich zu verhalten. Aber was kannst du bis dahin tun?

Bis dahin willst du ja nicht niedergetrampelt, getreten oder blau und grün gebissen werden (und wenn es bereits so schlimm ist, dann möchte ich dir sehr ans Herz legen, dir erfahrene Unterstützung zu holen bevor schlimmeres passiert).

Das Abwehrverhalten deines Pferdes wird durch irgendetwas ausgelöst. Das sind die Trigger.
 

Die Trigger sind NICHT die Ursache für das Verhalten.

 
Wenn dein Pferd an der Longe bockt, wenn du es vorwärts treibst, ist die Ursache dafür nicht unbedingt die Peitsche. Die Ursache ist wahrscheinlich eher, dass dein Pferd befürchtet die Balance zu verlieren, wenn es schnell auf einem kleinen Kreis rennen muss. Vielleicht ist die Ursache auch die traumatische Erinnerung daran, mit der Peitsche geschlagen zu werden.

Die Peitsche und die treibende Hilfe ist nur der Auslöser (Trigger) für das Verhalten.

Die Ursache liegt tiefer.

Ursachen sind manchmal schwer zu finden. Trigger dafür relativ leicht. Du musst dich nur fragen, wann genau dein Pferd das Verhalten zeigt: Was ist davor passiert/aufgetreten/getan worden? ← Das ist der Trigger.

Langfristig willst du die Ursachen abstellen (an der Balance deines Pferdes an der Longe arbeiten oder das Trauma aufarbeiten).
 

Kurzfristig kannst du aber erstmal nur den Trigger abstellen.

 
Also – lass die Kappzaumarbeit erstmal sein, wenn dein Pferd dir dabei ständig in den Arm beißt. Mach eine Pause mit dem Reiten, wenn es dich in den letzten drei Einheiten fast in den Sand gesetzt hat. Und verschieb das Hängertraining auf einen Zeitpunkt, an dem DU genau weißt, wie du es so angehst, dass dein Pferd reingehen lernt, statt sich davor zu überschlagen.

Das bedeutet nicht, das du den Triggern für immer aus dem Weg gehst. Ganz im Gegenteil.

Aber wenn dein Pferd lernen soll, nicht impulsartig auszutreten, zu schnappen oder sich bei der kleinsten Gelegenheit loszureißen, braucht es Zeit. Und die richtigen Schritte im richtigen Moment, durch die es lernt, anders (konstruktiver) mit den Triggern umzugehen.

Diesen Lernprozess musst du begleiten können.

Hast du das noch nie gemacht? Lies weiter und mach dir einen Plan (statt selbst immer wieder aus einem Impuls heraus zu strafen). Und hol dir Unterstützung, damit das Ganze so sanft und gefahrlos wie möglich für dich und dein Pferd abläuft.

Vorbereitung ist alles. Dann könnt ihr euch systematisch an die Trigger rantasten. Aber erst, wenn es dafür an der Zeit ist (und das ist erst im letzten Schritt der Fall). Also – dranbleiben.

Jetzt kommen wir aber erstmal zu einer essentiellen Fähigkeit deines Pferdes: Impulskontrolle.
 
 

Schritt 4: Wieso du die Impulskontrolle stärken solltest, wenn es aggressives Verhalten zeigt

Sehr wahrscheinlich reißt dein Pferd sich ziemlich zusammen, um dir nicht gefährlich zu werden. Oder es hat das für eine lange Zeit getan und subtiler versucht, dir seine Schmerzen, sein Unwohlsein, seine Angst oder seinen Widerwillen mitzuteilen. Gerade bei Jungpferden kann aber die mangelnde Fähigkeit, Impulsen zu widerstehen, gefährliches, büffeliges Verhalten begünstigen.
 

Manche Aufgaben sind unangenehm und bleiben unangenehm.

 
Dazu können zum Beispiel die Hufbearbeitung zählen. Das Einsprühen mit Fliegenspray. Medizinische Behandlungen.

(Das alltägliche Training ist damit nicht gemeint – wenn Training keine Lieblingsaktivität deines Pferdes ist, solltest du etwas verändern. Es geht doch darum, eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Für euch beide 🌿.)

Um unangenehme Behandlungen über sich ergehen zu lassen oder ungeliebte Aufgaben zu bewältigen, muss dein Pferd sich zusammenreißen. Es muss seine Impulse kontrollieren.

Verspürt dein Pferd den Drang, sich aus der Situation zu entziehen? Sich gegen die Behandlung zu wehren? Dann muss es diesen Drang unterdrücken, um dir nicht gefährlich zu werden. Das ist Impulskontrolle.
 

Das Problem ist: Es muss sich aus Sicht deines Pferdes lohnen, dem Impuls zu widerstehen.

 
Weshalb ist das bei den meisten (konventionell ausgebildeten) Pferden kein Thema?

Die meisten Pferde lernen, dass sie ihre Abwehr-Impulse besser unterdrücken, weil sonst eine noch unangenehmere Strafe folgt. Sie fürchten die Strafe, also reißen sie sich zusammen – was nichts mit Respekt zu tun hat.

Strafst du dein Pferd nicht, braucht es einen anderen guten Grund, um sich zusammenzureißen. Wie wäre es mit einer Belohnung? Mit positiver Verstärkung kannst du systematisch an der Impulskontrolle deines Pferdes arbeiten.

Wenn es für dein Pferd anstrengend und dadurch unangenehm ist, bei der Hufbearbeitung lange auf drei Beinen zu stehen, wird es vielleicht versuchen, den Huf wegzureißen, gegen den Menschen zu büffeln oder zu schnappen. Alles ziemlich unangenehm und unter Umständen auch gefährlich.

Was dein Pferd lernen muss: Dass es sich lohnt, noch ein bisschen länger durchzuhalten – obwohl der Trigger (Stehen auf drei Beinen, Bein festgehalten bekommen) bestehen bleibt.

(Mit Ursachenbeseitigung hat das natürlich nix zu tun. Die sollte natürlich parallel erfolgen. Zum Beispiel durch osteopathische Behandlung &/oder Physiotherapie, Aufarbeitung von Traumata, Aufsuchen einer entspannten Umgebung etc.)

Andere Situationen, in denen eine starke Impulskontrolle gelegen kommt, ist das Vorbeigehen an gruseligen Stellen im Gelände, dem verlockenden Grün auf Spaziergängen widerstehen müssen oder bei einer rektalen Untersuchung nicht nach dem Tierarzt zu treten.

Wie spielt (mangelnde) Impulskontrolle in das gefährliche Verhalten deines Pferdes hinein?

Das sollte dir bewusst sein, damit dir klar ist, was du von deinem Pferd verlangen kannst. Was ist es auszuhalten bereit? Und welche Impulse es nur schwer kontrollieren?

Es ist deine Aufgabe, deinem Pferd bei der Impulskontrolle zu helfen, wenn achtloses, gefährliches Verhalten getriggert wird und sofort ungebremst abläuft. Aber damit ist es nicht getan! Nicht, solange der innere Antrieb bestehen bleibt, der den Impuls befeuert.

Um dem inneren Antrieb den Hahn zuzudrehen, reicht Impulskontrolle nicht. Bei der Impulskontrolle tippst du mal kurz auf die Bremse. Aber deshalb hält das Fahrzeug nicht an, wenn du gleichzeitig auf dem Gas stehen bleibst. Um vom Gas zu gehen, braucht es die Regulation von Anspannung und Entspannung.
 
 

Schritt 5: Was wirklich hilft, wenn dein Pferd gefährlich wird – Regulation von Anspannung

Wann immer dein Pferd so auf Abwehr gepolt ist, dass es dir gefährlich wird, ist eine vermehrte Anspannung bzw. Erregung beteiligt.
 

Dein Pferd ist nicht entspannt und tritt nach dir. Es fühlt sich nicht wohl und buckelt. Es ist nicht gelassen und steigt.

 
An all diesen Verhaltensweisen ist eine stärkere Erregung des Nervensystems beteiligt.

Beißen, Bocken oder Steigen ist ebenso Ausdruck dieser Anspannung, wie wenn dein Pferd büffelig ist, sich losreißt oder auskickt.

Strafe kann dafür sorgen, dass sich die Anspannung nicht auf diese Weise entlädt. Zumindest kurzfristig. Für den Moment kann das helfen – denn so steigert sich dein Pferd nicht in eine Spirale aus Unwohlsein, Anspannung und gefährlichem Verhalten hinein.

ABER wenn du an dieser Stelle aufhörst, hast du deinem Pferd nicht geholfen.

Und was noch problematischer ist: Du hast ihm seine letzte Lösung geraubt. Wohin das führt, wissen wir. Entweder in die erlernte Hilflosigkeit oder in wirklich WIRKLICH gefährliches aggressives Verhalten.

Was kannst du tun, damit dein Pferd sich beruhigt (und nicht nur zusammenreißt)?

Zeige deinem Pferd eine bessere Umgehensweise mit seinem Stress (der Anspannung).

Das Stichwort lautet Ko-Regulation.

Du übernimmst die Impulskontrolle, indem du das Verhalten unterbrichst. Du sagst deinem Pferd schnell und effektiv: “Nein, das machst du jetzt nicht”. Das ist aber nicht die Lösung, sondern nur der allererste Schritt!!!
 

Danach musst du dein Pferd in das Verhalten begleiten, das die Anspannung abbaut!

 
(Entschuldige all die Ausrufezeichen 🙈. Aber es ist so wichtig, dass du verstehst, dass es wirklich nicht damit getan ist, dass dein Pferd aufhört sich so zu verhalten.)

Welches Verhalten deinem Pferd hilft, hängt von der Situation und dem Typ deines Pferdes ab.

Wenn dein Pferd nach dir tritt, wann immer du dich den Hinterbeinen näherst, weil es da eine Verletzung hatte, die langwierig verheilt ist und sich ins Schmerzgedächtnis eingegraben hat, geht es nicht darum, dass dein Pferd lernt, dass es dich nicht treten darf.

Es geht darum, dass es überhaupt keinen Grund sieht, dich zu treten.

Es geht darum, dass dein Pferd vom Gas geht, indem es sich gezielt entspannt.

Du musst deinem Pferd also beibringen sich zu entspannen (statt sich schon vorsorglich anzuspannen), wenn du zur Hinterhand gehst. Das ist das sicherste, was du tun kannst.

Das sicherste, was du fast immer tun kannst, wenn es um gefährliches Verhalten geht:

Dafür sorgen, dass dein Pferd Anspannung loslässt 🧘‍♀️.

Ein entspanntes, gelassenes, ruhiges Pferd beißt, steigt und tritt nicht. Es reißt sich nicht los, es rennt dich nicht um. Das alles tun Pferde, wenn sie übermäßig angespannt sind.

Wenn du es geschafft hast, dein Pferd in die Entspannung zu begleiten, ist das Problem vielleicht schon gelöst.

Aber oft brauchst du einen weiteren Schritt.
 
 

Schritt 6: Wenn dein Pferd sich jetzt noch immer gefährlich verhält – Alternatives Verhalten erarbeiten

Dein Pferd hat ein Problem. Das Verhalten ist die Lösung. Und manchmal wird das Verhalten zu einem Muster.

Was bedeutet das?

Obwohl die Ursache weg ist, verändert sich nichts daran, wie dein Pferd auf den Trigger reagiert.

Wie gehst du damit um, wenn ein Verhaltensmuster entstanden ist?

Lege den Fokus darauf, alternative Verhaltensweisen (mit positiver Verstärkung und Bedürfnisorientierung) zu trainieren. Bis ihr sie im Schlaf beherrscht.

Nehmen wir an, du bist bisher sehr nachsichtig mit deinem Jungpferd oder deinem ängstlichen Pferd umgegangen, wenn es ums Führen ging. Wenn es irgendwo nicht hingehen wollte, hast du nicht darauf bestanden. Und wenn es umdrehen, die Richtung ändern oder irgendwo unbedingt hin wollte, bist du einfach gefolgt.

Jetzt zieht dich dein Pferd durch die Gegend, steigt und bockt, sobald ihm etwas auch nur ein bisschen Stress macht.

Dein Pferd hat also gelernt, mit seiner Unsicherheit umzugehen, indem es sich aus der Situation entfernt. Lässt du das nicht zu, wehrt es sich immer stärker.

Impulskontrolle (das Verhaltensmuster von Büffeln, Steigen und Bocken zu unterbrechen) und die Regulation seiner Anspannung (Verhaltensweisen einleiten, die zum Abbau von Stress führen) werden hier schon viel helfen. Aber damit hat dein Pferd immer noch nicht gelernt, wie ihr von nun an stattdessen miteinander umgeht, wenn ein Seil euch verbindet.

Wann immer du deinem Pferd eine neue Umgehensweise mit einer alten Aufgabe (wie hier das Geführt-Werden) erklärst, ist Kommunikation entscheidend.

Nimm die Grenzen deines Pferdes wahr. Du kannst keine neue Umgehensweise (ein neues Verhalten wie dir folgen, eine bestimmte Führposition einhalten, stehen bleiben, wenn du stehen bleibst etc.) erarbeiten, während dein Pferd Stress hat.
 

Arbeitet erstmal innerhalb der Komfortzone deines Pferdes.

 
Innerhalb dieser Komfortzone ist es leicht, deinem Pferd mit positiver Verstärkung und Bedürfnisorientierung zu zeigen, wie sehr es sich lohnt, mit dir zusammenzuarbeiten. Hier kann das neue Verhalten für dein Pferd so selbstverständlich werden, dass es in Stresssituationen später nahezu automatisch abrufbar ist.

⚠️ Aber Vorsicht!

Schmeiß dein Pferd danach bitte nicht ins kalte Wasser. Geh insbesondere den letzten Schritt sehr bewusst und systematisch an: Die Gewöhnung an den oder die Trigger.
 
 

Schritt 7: Was du erst ganz zum Schluss tun solltest, um gefährliches Verhalten deines Pferdes aufzulösen – An Trigger gewöhnen

Wenn das neue Verhalten (entspannt stehen, während du den Sattel auflegst, aufmerksam die Führposition einhalten, den Kopf senken, wenn du dazu aufforderst) für dein Pferd ein Kinderspiel ist, könnt ihr euch laaangsam (!) an den Rand der Komfortzone rantasten.

Bei diesem Schritt kannst du dir alles wieder kaputt machen, wenn du zu schnell vorgehst.

Jetzt also nicht ungeduldig werden.

Denk daran: Du versuchst, ein altes Muster deines Pferdes zu verändern. Es geht also darum, dass sich automatisierte neuronale und biochemische Abläufe im Kopf und Körper deines Pferdes
verändern.
 

Wenn du nicht systematisch vorgehst, dann fahren diese Abläufe auf den immer selben Autobahnen im Kopf deines Pferdes weiter.

 
Überfordere dein Pferd nicht. Sonst fällt es in alte Verhaltensweisen zurück, du wirst womöglich unsicher, ärgerlich oder wütend und strafst. Hallo Abwärtsspirale!

Die Gewöhnung an die Trigger ist eigentlich viel mehr ein neuer Umgang mit den Triggern.

Für diesen Umgang ist nicht allein das neue Verhalten entscheidend.

Wenn ich mit Pferden daran arbeite, achte ich weniger darauf, ob sie perfekt das geübte Verhalten zeigen. Ich gehe sogar davon aus, dass das Verhalten erstmal schlechter wird. Das ist okay. Ich strafe nicht und ich korrigiere auch nicht übermäßig! Damit stresse und demotiviere ich das Pferd nur.
 

Worauf ich aber penibel achte, ist das, was IM Pferd vor sich geht.

 

Worauf ich penibel achte, ist, ob die Impulskontrolle funktioniert. Ob wir gemeinsam die Anspannung runterreguliert bekommen. Ob wir bedürfnisorientiert als Team zusammenarbeiten – auch unter diesen erschwerten Bedingungen.

Ich fordere nur so viel “korrektes” Verhalten vom Pferd, wie es gerade leisten kann.

Wird mein Pferd bei Reizüberflutung zum Beispiel nervös, ist mir die sorgsam erarbeitete Führposition erstmal schnuppe. Würde ich jetzt darauf bestehen, würde ich nur eine weitere Anforderung hinzufügen, die die Anspannung befeuert. Am Ende würde mich mein Pferd womöglich noch als Hindernis wahrnehmen, das es loswerden muss. Schon habe ich ein Pferd, das sich loszureißen versucht.

Stattdessen stoppe ich schnell den Impuls des Pferdes, einfach loszurennen. Mache dann aber sofort den Raum für jedes Verhalten auf, dass dem Pferd nun wirklich hilft, etwas Stress abzubauen. Und kümmere mich dann um das Sicherheitsbedürfnis des Pferdes.
 
 

Fazit – Worauf es bei gefährlichen Pferden wirklich ankommt

Wenn ich ganz kurz sagen müsste, was im Umgang mit gefährlichen oder aggressiven Pferden falsch läuft, würde ich es so formulieren:

Es wird zu viel Wert darauf gelegt, dass das Pferd sich wie gewünscht VERHÄLT und zu wenig darauf, was IM Pferd vor sich geht.

Wir können gefährliches Verhalten auflösen, ohne das Verhalten an sich jemals zu adressieren. Ohne zu strafen und zu unterdrücken. Ohne dem Pferd zu zeigen, dass es sich so einfach nicht verhalten kann.

Aber wir können es nicht nachhaltig und ohne seelischen Schaden für das Pferd auflösen, ohne dabei die inneren Prozesse des Pferdes zu beachten und auf konstruktive (für Pferd UND Mensch zielführende) Weise zu verändern.

Dein Pferd ist eher rüpelig und achtlos als aggressiv. Damit solltest du anders umgehen als mit Abwehrverhalten. Wie, das besprechen wir im nächsten Post dieser Reihe.
 

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