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Respektloses Pferd? – 4. Wie du mit deinem rüpeligen Pferd einen achtsamen Umgang etablierst

Was kannst du tun, wenn dein Pferd rüpelig ist?

Im letzten Beitrag dieser Reihe haben wir besprochen, wieso dein Pferd sich dir gegenüber scheinbar respektlos verhält. Wieso rempelt es dich um, zieht dich am Strick durch die Gegend oder schubst dich?

Lies den Beitrag unbedingt, bevor du dich daran machst, das Verhalten auflösen zu wollen:

Respektloses Pferd? – 3. Wieso dein Pferd dich umrempelt und dir ständig zu nah kommt

Heute geht es darum, was du tun kannst, wenn dein Pferd sich rüpelig verhält. Wie reagierst du sanft – ohne dass das Verhalten immer schlimmer wird? Und wie werdet ihr das Verhalten langfristig los?
 
 

Eine simple (aber schwierige) Lösung für rüpelige Pferde

Wenn du selbst sehr empfindsam bist und dich mit einem vorsichtigen, distanzierten Umgang mit dem eigenen Körper am wohlsten fühlst, stehst du mit einem distanzlosen, körperlichen Pferd vor einer Herausforderung ⛰.

Denn was du vor allem brauchst ist:

Achtsamkeit.

 
Die Fähigkeit, dein Gefühl für den Raum um dich herum zu bewahren – auch und besonders, wenn die Rüpeligkeit deines Pferdes dich stresst!

Wo fängt mein Raum an? Wo endet er?
Wie nah ist mir mein Pferd? Kommt es näher?
Wo ist meine Grenze?
Wann muss ich reagieren?

Fühlst du dich unwohl, wird all das erstmal deutlicher wahrnehmbar. Aber zugleich nehmen wir automatisch eine Abwehrhaltung ein.

❌ Wir spannen uns an, halten den Atem an, beißen die Zähne aufeinander, werden lauter, gröber und hektischer in unseren Bewegungen.

Kurz gesagt:
 

Wir machen genau das, was unsere rüpeligen Pferde uns vormachen.

 
Ertappst du dich auch dabei, wie du dein rüpeliges Pferd spiegelst? Dann habe ich jetzt eine Strategie für dich, mit der du das ändern kannst.
 
 

Worauf du im Umgang mit deinem rüpeligen Pferd achten solltest

Grundsätzlich gilt: Statt dich dem rüpeligen Verhalten deines Pferdes anzupassen, sende ein neues Bild aus, das dein Pferd spiegeln kann.

Erinnere dich daran:
 

Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder raus.

Statt dich also dem Umgang deines Pferdes anzupassen, leb genau das Gegenteil vor:

👉 Sei so vorsichtig und achtsam wie möglich. In allem, was du tust. Insbesondere in der Art, wie du dem Körper deines Pferdes begegnest.
 
 

1. Auch bei rüpeligem Verhalten gibt es Trigger – Erkenne sie, vermeide sie

Ein Trigger ist nicht der Grund oder die Ursache für ein Verhalten, sondern lediglich das, wodurch das Verhalten ausgelöst wird.

Bei Abwehrverhalten sind die Trigger meistens gut zu erkennen. Du putzt dein Pferd am Bauch und es schnappt. Dein Pferd hat Angst vor der Gruppe Kühe, die zum Zaun kommen und will sich losreißen.

Bei rüpeligem Verhalten ist das schon schwieriger. Vielleicht hast du den Eindruck, dein Pferd wäre einfach immer so grob und unvorsichtig.

Das ist selten der Fall.

Achte genau darauf, wann das Verhalten aufkommt:

Wann wird dein Pferd hektisch? In welchen Situationen kommt es dir zu nah? Was passiert, bevor es dich schubst?…

🗝 Und wann passiert all das nicht?

Trigger können zum Beispiel sein, dass

  • du in Kopfnähe stehst
  • du abgelenkt bist
  • du zu viel oder zu grob über den Strick einwirkst
  • die Umgebung laut &/oder hektisch ist
  • du Leckerlies dabei hast

Wenn du die Trigger identifiziert hast, kannst du sie erstmal vermeiden, damit der Konflikt nicht ständig eskaliert. So kannst du so entspannt wie möglich an einem neuen feineren Umgangston arbeiten 🌿.
 
 

2. Motivation – Stelle sicher, dass es sich für dein Pferd lohnt, auf dich zu achten

Dein Pferd zeigt das Verhalten, das sich aus seiner Sicht lohnt. Ein Verhalten, das deinem Pferd hilft mit der Situation fertig zu werden, an sein Ziel zu gelangen oder sich besser zu fühlen.

Die Frage lautet also:

Lohnt es sich für dein Pferd, auf dich zu achten?
Geht es deinem Pferd damit besser?
Kommt es damit an sein Ziel?

Vielleicht ist dein erster Gedanke hier, dein Pferd mit positiver Verstärkung und Futterlob zur “Höflichkeit” zu erziehen. Leckerlies können helfen. Sie können aber auch selbst ein Trigger (nicht Ursache ☝️) für rüpeliges Verhalten sein.

Meistens besteht das Problem darin, dass es für das Pferd schwierig ist, auf den Menschen zu achten – z.B. weil es abgelenkt oder angespannt ist. Wenn du dann noch etwas mit deinem Pferd machst, was ihm unangenehm ist oder womit es sich nicht wohl fühlt, ist rüpeliges Verhalten vorprogrammiert.

Entscheidend ist also, Anspannung rauszunehmen, damit der Umgang mit dir sich für dein Pferd angenehm anfühlen kann.
 

Was braucht es, damit dein Pferd sich besser fühlt, wenn es fein auf dich reagiert?

 
Es braucht klare Anweisungen, die ohne Grobheit kommuniziert werden.

Welche Distanz soll dein Pferd einhalten? Darf es einfach losgehen? Worauf soll es seinen Fokus legen? Welche Führposition ist gerade angesagt?…

Diesen Rahmen kommunizierst du deinem Pferd, damit du nicht zu einer weiteren unvorhersehbaren, unkalkulierbaren Variablen wirst. Dein Pferd soll nicht raten müssen, was es tun soll, wenn es ohnehin schon Stress hat. Es soll nicht selbst entscheiden und dann gegen dich gehen MÜSSEN, weil du es allein lässt.

Was auch immer der Rahmen ist, den du für dein Pferd bereitstellen willst: Er muss ohne Hektik, ohne grobe Einwirkung kommuniziert werden. So, dass dich dein Pferd sofort versteht. Und dennoch so leise, geerdet und fein wie möglich.

So findet dein Pferd in deinen Signalen Anlehnung und Unterstützung in stressigen Situationen. Das ist es, was hier wirkungsvoll die Motivation schafft, auf dich zu achten. Weil genau das zu einem besseren, geerdeteren Gefühl für dein Pferd führt. Es wird ruhiger.

Und: Wenn Leckerlies kein Stressor für dein Pferd sind, kannst du sie hier einsetzen, um deinem Pferd den Rahmen zu erklären.
 
 

3. Durchbreche das Muster im rüpeligen Verhalten deines Pferdes

Meist ist das rüpelige Verhalten zu einem Muster geworden. Das bedeutet: Dein Pferd hat die Erfahrung gemacht, dass es ihm auf irgendeine Weise besser geht, wenn es sich so verhält (dich ausblendet und einfach seinen Impulsen nachgeht).

Dieses Muster muss erst unterbrochen werden, bevor du ein anderes Verhalten von deinem Pferd abfragen kannst.
 

Ein Beispiel:

Du führst dein Pferd über den Hof. Von der Herde wegzugehen macht deinem Pferd Stress. Es zieht dich am Strick Richtung Grasstreifen (denn Grasen hilft beim Stressabbau.)

Was jetzt nicht hilft:

Dein Pferd mit leiser Stimme bitten, stehen zu bleiben 🙏. Hoffen, dass es reagieren wird, wenn du langsamer wirst und selbst stehen bleibst. (Ich weiß, wir wollen gern so fein wie möglich sein und uns nicht einfach unseren Willen durchdrücken – aber ließ trotzdem mal weiter.)

In diesem Moment hat dein Pferd dich ausgeblendet. Aus Sicht deines Pferdes hat es ein Problem, dass es allein lösen muss – seine Nervosität regulieren, weil es von der Herde weggehen soll.

Dass es dich deshalb am Strick durch die Gegend zieht, meint es nicht böse. Es denkt auch nicht darüber nach, dass das “respektlos” sein könnte und wie du dich damit fühlst.

Es sorgt einfach für sich und seine Bedürfnisse.
 

Dein Pferd ist nicht gegen dich. Es ist für sich.

 
Dennoch ist dies eine der wenigen Situationen, in denen ich mit Strafe arbeite. Dabei will ich nicht das Verhalten (zum Gras ziehen) abstellen. Sondern den Prozess unterbrechen, in dem das Pferd allein eine Entscheidung trifft – statt in die Kommunikation mit mir zu gehen.

Ich verhindere also, dass das Pferd an sein Ziel kommt, indem es allein eine Entscheidung trifft (einfach zum Gras zieht, um seinen Stress abzubauen).

⚠️ Dabei verzichte ich unbedingt auf Schlagen, Schimpfen und Rucken am Strick. Ich möchte keine Reize hinzufügen, die körperliches Unwohlsein verstärken, denn dadurch mache ich meinem Pferd nur noch mehr Stress.
 
 

4. Der entscheidende Teil kommt, NACHDEM du das Muster unterbrochen hast

Sobald ich das Verhalten unterbrochen habe, muss ich mich als hilfreiche Begleitung für mein Pferd erweisen.

Was können wir gemeinsam tun, damit der Stress nachlässt?
Was können wir die unangenehme Aufgabe zusammen bewältigen?
Was kann ich tun, um es meinem Pferd leicht und angenehm zu machen, mit mir als Team zusammenzuarbeiten?

❌Hier machen die meisten Menschen den entscheidenden Fehler:

Sie strafen (oft sehr grob, wodurch der Stress steigt), unterbrechen damit die Reaktion des Pferdes auf den Trigger und nehmen damit dem Pferd seine Lösung. ABER sie helfen dem Pferd danach nicht, besser für seine Bedürfnisse zu sorgen!

Leckerlies triggern, dass dein Pferd dir in die Tasche kriecht und zu schnappen anfängt?

👉 Dann ist es deine Aufgabe, deinem Pferd zu innerer Ruhe zu verhelfen.

Ablenkung triggert, dass dein Pferd dich komplett ausblendet?

👉 Dann ist es deine Aufgabe, deinem Pferd zu beweisen, dass es die Situation besser bewältigen kann, wenn es seine Aufmerksamkeit auf dich richtet und die Kommunikation mit dir sucht.

Euer Umgangston ist insgesamt gröber als dir angenehm ist?

👉 Dann ist es deine Aufgabe, eine feinere Kommunikation zu etablieren und deinem Pferd so stressfrei wie möglich zu erklären, wie ihr ab jetzt miteinander umgeht.
 

Strafe ist nicht die Lösung!

 
Rüpeliges Verhalten im Ansatz zu unterbrechen verhindert nur, dass es immer weiter läuft. Das gibt dir die Chance, etwas zu verändern. Aber diese Veränderung muss im Sinne des Pferdes sein – nur dann ist sie deinem Pferd gegenüber fair. Denn es teilt dir gerade mit, dass es ein Problem hat (sonst würde es nicht in sein rüpeliges Verhaltensmuster fallen).
 
 

5. Statt Umrempeln, durch die Gegend ziehen oder Beißen: Alternative Verhaltensweisen in Anwesenheit von Triggern üben

Neues Verhalten (wie z.B. die innere Ruhe im Umgang mit Leckerlies, der Fokus auf dem Menschen oder ruhige gemeinsame Bewegung) kannst du erst dann für die Bewältigung von Triggern nutzen, wenn dein Pferd es wirklich verinnerlicht hat.

Übe das neue Verhalten also erst an einem ruhigen Ort. Du kannst es natürlich von Beginn an in schwierigeren (hektischen, stressigen) Situationen und bei mehr Ablenkung anfragen – aber passe deine Erwartungen entsprechend an!

Diese Übung hat jedes Pferd verdient. Egal wie alt dein Pferd ist – wenn Rüpeligkeit zu seiner Standardeinstellung gehört, dürft ihr nochmal

  • am Führtraining arbeiten
  • Warten und entspannen üben
  • Stillstehen neu aufbauen
  • über Berührungen sanft kommunizieren lernen

Egal wie erwachsen dein Pferd ist: Es muss keine Regeln einhalten, die ihm nie richtig erklärt wurden.
 
 

Fazit: Was du tun kannst, wenn dein Pferd rüpelig ist

1. Sei selbst besonders achtsam und gehe so mit dem Körper deines Pferdes um, wie es auch mit dir umgehen soll.

2. Erkenne die Trigger, die das rüpelige Verhalten auslösen und vermeide sie.

3. Zeige deinem Pferd, dass es sich lohnt, auf dich zu achten (weil du ihm zu einem besseren Gefühl verhilfst).

4. Unterbreche rüpeliges Verhalten im Ansatz – aber ohne dabei selbst körperlich zu werden.

5. Unterstütze dein Pferd bei seiner Stressregulation.

6. Erarbeite alternative Umgehensweisen in einer ruhigen Umgebung, die euch in Zukunft dabei helfen, die stressigen Situationen ohne Rüpeln zu bewältigen.

Im nächsten Beitrag gebe ich dir einige Übungen an die Hand, mit denen du in der Bodenarbeit eine feinere Kommunikation erarbeiten kannst.

Bis dahin kannst du hier über den Aufbau einer sanften Kommunikation mittels Bodenarbeitsübungen nachlesen:

Wie du mit der Bodenarbeit beginnst – 10 einfache Übungen für Anfänger

 

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