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Respektloses Pferd? –  1. Weshalb dein Pferd sich rüpelig, gefährlich oder respektlos verhält

Was tun, wenn dein Pferd sich respektlos verhält?

Die Schema F-Antwort: “Setz dich durch! Zeig, wer das Sagen hat!”

Eine ziemlich vereinfachende Lösung für Probleme, die in feinen Nuancen daherkommen. Für Verhalten, das gute Gründe hat und verstanden werden will. Und vor allem eine Lösung, die nicht viel Raum für Respekt vor dem Pferd lässt.

Ich möchte deshalb etwas genauer hinschauen, während wir uns zu Lösungsansätzen vortasten, die sanft sind und Raum für die Bedürfnisse von Pferd UND Mensch schaffen.
 


Das Konzept von “Respekt und Respektlosigkeit” habe ich in diesem Artikel hinterfragt:

Dein Pferd ist respektlos? Warum Respekt NICHT hilft, Verhaltensprobleme sanft zu lösen


 
“Respekt” ist ein menschliches Konzept ist, das Pferde meiner Ansicht nach nicht besitzen. So kommt es zu Fehlinterpretationen, die einer tiefen Pferd-Mensch-Beziehung und einem harmonischen Alltag im Weg stehen.

Wenn ich im Folgenden von “respektlos” spreche, dann meine ich damit also nur unsere menschliche Kategorisierung und spreche NICHT aus Sicht der Pferde. Die Wortwahl dient vor allem der Auffindbarkeit dieser Artikelserie.
 
 

Was du wissen musst, wenn dein Pferd sich rüpelig, gefährlich oder “respektlos” verhält

Jedes Verhalten dient einem Ziel.

Dieses Verständnis muss dir in Fleisch und Blut übergehen, wenn du ohne Gewalt und dich einfach durchzusetzen mit deinem Pferd umgehen möchtest:

Jedem Verhalten liegt ein Bedürfnis zugrunde. Etwas, das dein Pferd anstrebt.

Was genau das ist, musst du herausfinden. Dann kannst du beeinflussen, auf welchem Weg dein Pferd an sein Ziel kommt.

Wir könnten sagen:

Ein Pferd wird dann als respektlos bezeichnet, wenn es auf eine Weise an sein Ziel zu gelangen versucht, die nicht dem Wunsch des Menschen entspricht.

Oder:

Ein Pferd wird dann als respektlos bezeichnet, wenn es ein Bedürfnis zu befriedigen versucht, dass nicht unmittelbar mit dem vereinbar ist, was der Mensch in diesem Moment will.

Deinem Pferd juckt der Kopf. Aber statt dich leicht anzustupsen und dir seinen Kopf zum Kratzen hinzuhalten, katapultiert es dich ans nächste Ende der Stallgasse.

Oder du möchtest mit deinem Pferd ins Gelände reiten, aber es dreht immer wieder um und will zum Stall zurückgehen.

Das sind Situationen, in denen Pferde gern als respektlos bezeichnet werden.

Sinnvoller wäre, wir würden erkennen, dass das Pferd ein Ziel und ein Bedürfnis hat. Dass durch die unterschiedlichen Ziele von Mensch und Pferd ein Konflikt entsteht. Den es zu lösen gilt. Und dafür gibt es andere Wege, als dir schlicht “Respekt” zu verschaffen.

Diese Perspektive einzunehmen, hat einen riesigen Vorteil: Sie verwandelt eure Beziehung in eine Freundschaft auf Augenhöhe.
 
 

Wie es eure Beziehung boosten kann, wenn dein Pferd sich respektlos verhält

Wenn dein Pferd etwas tut, was dir nicht passt, macht es das nicht, um dich zu ärgern.
 

Dein Pferd ist nicht GEGEN DICH. Es ist FÜR SICH.

 
Wenn dein Pferd “respektlos” ist, teilt es Informationen mit dir. Infos darüber, was es nicht mag. Was ihm schwer fällt. Ob es Schmerzen hat. Dass es etwas nicht versteht oder nicht kann. Oder auch, dass es gerade etwas anderes braucht oder sich etwas anderes wünscht.

Statt dich durchzusetzen, kannst du eine fragende Haltung einnehmen. Und dadurch dein Pferd besser verstehen.

Verstehst du, weshalb dein Pferd nicht mit dir vom Hof gehen will? Dann kannst du an den Ursachen arbeiten, statt die Symptome zu unterbinden. Und damit die Verbindung zwischen dir und deinem Pferd zu kappen.

Das funktioniert aber nur, wenn wir unser Ego hinten anstellen. Wenn wir verstehen, dass uns kein Verhalten, keine Leistung der Pferde einfach zusteht (egal, wie viel Geld wir “für das Pferd” ausgeben).

Vertraue darauf, dass dein Pferd dir etwas wichtiges mitzuteilen hat. Wann immer dein Pferd sich scheinbar respektlos verhält, nimm bewusst eine #propferd Haltung ein. Und versuche, die Ursachen zu verstehen.

Also: Wie kommt es dazu, dass dein Pferd sich “respektlos” verhält?
 
 

Respektlose Pferde gibt es nicht – aber Verhalten, das wir so bezeichnen

Verhalten dient einem Ziel.

Dein Pferd will seine Energieressourcen schonen. Schmerzen vermeiden. Sich in Sicherheit bringen. Sich vor Übergriffen schützen. Seinen Raum wahren.

Weil all diese Ziele deinem Pferd wichtig sind, entsteht dabei ein starker Affekt. Ein Gefühl, dass dem Verhalten einen Antrieb gibt.

Dein Pferd bleibt nicht nur stehen. Es wird richtig fest und baut einen inneren Widerstand auf, den du selbst spüren kannst.

Dein Pferd reißt nicht nur den Kopf hoch, springt zur Seite und tänzelt um dich herum. Sein ganzer Körper scheint vor angespannter Energie zu vibrieren.

Bringt das Verhalten dein Pferd seinem Ziel näher, setzt es sich fest. Es wird bei der nächsten ähnlichen Situation erneut so reagieren.

Manchmal ist bereits ausreichend, dass es deinem Pferd durch das Verhalten ein klitzekleines bisschen besser geht. Dass es überhaupt irgendwo hin kann mit seiner Angst. Oder dass es den Schmerz nicht einfach aushalten, sondern ausagieren kann.

Vielleicht denkst du jetzt: “Aber mein Pferd verhält sich manchmal einfach wie die Axt im Walde. Es will einfach nicht. Es gibt keinen guten Grund, aus dem mein Pferd das macht!”

Entscheidend ist aber nicht, ob das Verhalten aus unserer menschlichen Sicht Sinn ergibt.
 

Entscheidend ist allein, ob es aus Sicht deines Pferd lohnenswert und zielführend ist.

 
Wenn dein Pferd sich wieder und wieder auf dieselbe Art “respektlos” verhält, dann hat es einen guten Grund. Einen Grund, aus dem es nicht will. Einen Grund, aus dem es rüpelig ist.

Es ist nur manchmal schwer, diesen Grund von außen zu erkennen.

Und manchmal kommt ein erschwerender Faktor hinzu.
 
 

Auf Widerstand gepolt – Weshalb “Respekt” des Pferdes eine Frage der Motivation ist

Letztens habe ich folgender Aussage einer Reitlehrerin an ihre Schülerin beigewohnt:

“Ihr habt ein Problem mit der Motivation. Der respektiert dich einfach nicht!”

Motivation und Respekt sind aber nicht dasselbe.

Ja, Motivation kann aus Furcht vor Strafe entstehen: Dann hat dein Pferd gelernt, dass der Schlag mit der Gerte folgt, wenn es nicht auf deinen treibenden Schenkel reagiert.

Das hat aber etwas mit Strafe und nicht mit Respekt zu tun.
 

Der Gebrauch des Wortes “Respekt” beschönigt die Tatsache, dass Pferde mit Schlägen, Sporen oder dem typischen “Klaps” mit der Gerte gefügig gemacht werden!

 
Das ist wahrscheinlich nicht die Art von Respekt, die du dir in der Beziehung zu deinem Pferd wünschst, oder?

Vielleicht hast du aber den Eindruck, dass dein Pferd GRUNDSÄTZLICH Widerstand leistet.

Ist das der Fall, muss die Motivation (und nicht Respekt) hinterfragt werden.

Wenn dein Pferd sich ständig entzieht und widersetzt, dann ist das lohnenswerter, als sich anzustrengen und mitzuarbeiten.

Finde heraus:

Weshalb lohnt es sich für dein Pferd nicht, mit dir zusammenzuarbeiten?

Als Pferdemenschen lernen wir, dass Pferde einfach zu gehorchen haben. Dass Gehorsam normal und Widerstand einfach zu durchbrechen ist. Kaum ein*e Reiter*in macht sich Gedanken darüber, weshalb es fürs Pferd erstrebenswert sein sollte, einen Menschen auf seinem Rücken zu tragen und sportliche Leistung zu bringen.
 

Die Grundmotivation des Pferdes wird allein durch Druck und Strafe sichergestellt.

 
Und jetzt kommt der entscheidende Teil:

Sobald du nun nicht mehr bereit bist (noch mehr) Druck und Strafe einzusetzen, bricht der Gehorsam deines Pferdes zusammen. Plötzlich scheint dein Pferd auf Widerstand gepolt zu sein.
 


Ist dein Pferd auf Widerstand gepolt, obwohl du inzwischen viel netter mit ihm umgehst als früher?

Dann ist dieser Artikel für dich:

Weshalb du es immer noch nicht schaffst, wirklich sanft mit deinem Pferd umzugehen


 
Du hast die Wahl: Machst du einen Schritt zurück und setzt dich mit Gewalt durch? Oder findest du heraus, wie du dein Pferd ehrlich motivieren kannst? (Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.)

Vorher müssen wir Ursachen abstellen. Bisher haben wir besprochen, dass Ziele, Bedürfnisse und Affekt eine Rolle spielen. Ebenso wie mangelnde Grundmotivation und grundsätzlicher Widerstand.

Aber es gibt noch ein paar weitere Anti-Kooperations-Faktoren.
 
 

Es wird noch kniffliger – Welche Anti-Kooperations-Faktoren dein Pferd respektlos machen

Pferde sind grundsätzlich kooperative, harmonieliebende Wesen.

Wenn sich trotzdem vermeintlich respektloses Verhalten kaum noch durchbrechen lässt, bedeutet das, dass es für das Pferd schwer bis unmöglich ist, sich auf die geforderte Art zu verhalten. Denn sonst würden die allerallermeisten Pferde kooperieren!

Alles, was das Wohlbefinden stört, erschwert es deinem Pferd, mit dir zusammenzuarbeiten. Dazu zählen Stress, Unwohlsein und Schmerzen, Krankheiten (z.B. Stoffwechselerkrankungen) und ungestillte Grundbedürfnisse (z.B. freie Bewegung, Sozialkontakt, kontinuierliche Futteraufnahme).

Wenn dein Pferd in der Box steht, drei Mal am Tag einen Arm voll Heu bekommt oder sich mit neun anderen Pferden einen Liegeplatz teilen muss, der höchstens für zwei Pferde reicht, kannst du nicht erwarten, dass es konzentriert, kooperativ und leistungsfähig ist.

Ja, die meisten Pferde reißen sich extrem zusammen und bringen trotzdem Leistung.
 

Aber dass etwas Normalität ist, bedeutet nicht, dass es richtig ist.

 
Bevor du im Training etwas veränderst, mache es dir und deinem Pferd um Welten leichter: Setze bei der Haltung, Gesundheit und dem Wohlbefinden deines Pferdes an.

Wenn das passt, kann auch das Training auf fruchtbaren Boden treffen.
 
 

Respektloses Verhalten ist nicht gleich respektloses Verhalten

Schauen wir genau hin, können wir verschiedene Klassen von Verhalten erkennen, die als respektlos bezeichnet werden.

Ich teile das Verhalten “respektloser Pferde” in die folgenden Gruppen ein:

  • Bedürfnis- und Emotionsausdruck
  • Übersprungshandlungen
  • Ungehorsam
  • Abwehrverhalten
  • Verhaltensmuster

Teilweise überschneiden sich die Klassen. So kann es vorkommen, dass ein- und dasselbe Verhalten in mehrere Kategorien eingeordnet werden kann.

👉 Überlege beim Lesen genau, zu welcher Gruppe das Verhalten deines Pferdes passt.
 
 

Bedürfnis- und Emotionsausdruck respektloser Pferde

Bedürfnisse und Gefühle sind immer an rüpeligem und gefährlichem Verhalten beteiligt.

Im Laufe der Zeit können aber auch Muster entstehen. Dann ist kein akutes Bedürfnis mehr notwendig. Ein Trigger reicht aus, um das Verhaltensmuster anzustoßen.

Das kennst du von dir selbst, wenn du dein Handy zur Hand nimmst, um die Uhrzeit zu checken, dich eine Benachrichtigung triggert, du das Handy weglegst und dich fragst “Wie viel Uhr haben wir nochmal?”

Auf Verhaltensmuster kommen wir später zu sprechen.

Emotionen, die Pferde vermeintlich respektlos werden lassen, sind folgende:

  • Angst, Nervosität, Panik
  • körperliches Unwohlsein, Schmerz
  • Überforderung und Stress
  • innerer Widerstand, der sich durch wiederholte negative Erfahrungen mit dem Setting, einer Aufgabe, dem Menschen oder Equipment manifestiert hat

Bei den Bedürfnissen haben wir es häufig mit Bewegungsdrang, Nähe-Distanz, körperlicher Unversehrtheit oder Sicherheit zu tun.

Die Frage, die du dir stellen solltest, lautet:

Welches Bedürfnis oder welches Gefühl drückt mein Pferd mit dem Verhalten aus?

 
 

Übersprungshandlungen – Stress-Regulations-Versuche machen kein respektloses Pferd

Viele vermeintlich respektlose Pferde haben eigentlich einfach Stress. Stress, mit dem dein Pferd klarzukommen versucht. Was entsteht sind Übersprungshandlungen.

Stress entsteht im Umgang und Training hauptsächlich durch Überforderung und zu große Schritte beim Erarbeiten neuer Fähigkeiten und Aufgaben. Der innere Aufruhr und die Anspannung deines Pferdes müssen irgendwo hin.

Kommen Schmerzen hinzu, werden Übersprungshandlungen noch wahrscheinlicher. Denn verständlicherweise ist auch die Reißleine eines Pferdes bei Schmerzen und Unwohlsein deutlich kürzer als bei optimalem Wohlbefinden.

Typisches Verhalten, das Pferde bei dieser Kategorie von “Respektlosigkeiten” zeigen, sind folgende:

  • in den Zügel/Strick oder in Richtung des Menschen schnappen
  • stehen bleiben und fest starren/einfrieren
  • sich wegblenden/unaufmerksam sein (Dissoziation)
  • zum Gras ziehen
  • den Menschen mit dem Kopf stoßen
  • gelerntes Verhalten (das nicht gefragt wurde) abspulen

Besonders wenn das Verhalten des Pferdes aggressiv erscheint, kommen die meisten Pferdemenschen zu einem fatalen Schluss:

Dass sie dem Pferd das nicht durchgehen lassen können.

Was tust du dann?

Du strafst dein Pferd: Es schnappt und bekommt dafür einen ordentlichen Klaps auf die Nase. Es rempelt dich an und du schlägst es mit der Gerte vor die Brust.

Wenn wir uns erinnern, dass Stress die Ursache für das Verhalten ist, wird sofort klar, weshalb diese Maßregelungen absolut kontraproduktiv sind:
 

Schmerzreize machen deinem Pferd noch mehr Stress!

 
Ein Teufelskreislauf.

Vielleicht denkst du jetzt, dass das alles ja schön und gut ist. Aber wie sollst du bitte stattdessen reagieren, wenn dein Pferd dir gefährlich wird?! Keine Sorge, darauf gehen wir im Verlauf dieser Beitragsreihe noch ein.

Jetzt ist erstmal wichtig zu verinnerlichen, dass Stress ein riesiges Thema ist. Und zu Verhalten führen kann, dass aggressiv aussieht – es aber nicht ist.
 
 

Ungehorsam – Typisch respektloses Pferd oder eine Frage der Motivation?

Ungehorsam ist in den Augen der meisten Pferdemenschen ein No Go. Ich möchte es hier erstmal neutral definieren:

Ungehorsam verhält sich ein Pferd, wenn es die Reaktion auf ein Kommando oder Signal verweigert. Und zwar, OBWOHL es die Aufgabe verstanden hat und in der Lage ist, sie auszuführen.

Es gab Zeiten, da hat Kadavergehorsam des Pferdes über Leben und Tod des Menschen entschieden. Diese Zeiten sind vorbei. Wir können deshalb unseren Fokus von der Frage lösen, ob dein Pferd dir gehorcht oder nicht. Und wir sollten es tun.

Warum?

Weil reiner Ungehorsam extrem selten ist. Pferde haben selten einfach nur keinen Bock! Dazu tun sie viel zu viel, um Konflikte zu vermeiden.

Wenn dein Pferd eine Reaktion verweigert, sind deshalb fast immer andere Faktoren beteiligt. Ungestillte Bedürfnisse, Stress, Ablenkung, Schmerz…

Hinzu kommt ein weiteres Problem:
 

Pferde lernen, sich zu entziehen, weil die Aufgaben, die vom Menschen gestellt werden AN SICH unangenehm oder einfach unliebsam sind.

 

  • an einem Halfter um den Kopf festgehalten zu werden, ist beängstigend oder zumindest ärgerlich
  • von der Herde weggeführt zu werden, ist beängstigend
  • am ganzen Körper ungefragt berührt, die Beine weggezogen bekommen und mit Nadeln gepiekst zu werden ist bedrängend, stressig und kann schmerzhaft sein

Und das sind nur einige der allerersten Erfahrungen, die viele Pferde mit Menschen machen.

Ist das der Fall, geht wieder die Grundmotivation verloren. Woran liegt das?

Es wurde versäumt, die Aufgabe durch positive Verstärkung lohnenswert zu gestalten. Dem Pferd also von Beginn an zu zeigen, dass es sich lohnt, sich auch für unliebsame Aufgaben anzustrengen.

In einer freundschaftlichen Beziehung ist Motivation die auf Nachlassen von Druck oder der Androhung und Ausführung von Strafe besteht NICHT GENUG!

Wenn Ungehorsam der Grund dafür ist, dass dein Pferd sich scheinbar “respektlos” verhält, lauten die Fragen, mit denen du dich beschäftigen solltest:

Wie kannst du dein Pferd für die Aufgabe begeistern? Was hat dein Pferd davon?

Wie kann dein Pferd wieder zu einer positiven Einstellung gegenüber dem Umgang und Training mit dir kommen?

Leider wird Ungehorsam von vielen Pferdemenschen rigoros gestraft. Verständlich, denn das, was danach kommen kann, ist beängstigend: Abwehrverhalten.
 
 

Abwehrverhalten – Sind aggressive Pferde respektlos?

Mit Abwehrverhalten hast du zu tun, wenn dein Pferd nicht mit passivem Nicht-Befolgen reagiert, sondern sich aktiv wehrt.

Damit zeigt dein Pferd, dass es nicht so behandelt werden will, wie du es zur Zeit behandelst. (Dieser Gedanke ist schmerzhaft, kann aber auch der Startpunkt für einen Umgang sein, der deinem Pferd ebenso guttut, wie dir 🌿.)

Rufen wir uns ins Gedächtnis, dass Pferde Konflikten mit Menschen gern aus dem Weg gehen und Harmonie mögen, wird eines klar:
 

Sobald Aggressionen aufkommen, läuft etwas grundlegend schief. Und zwar ordentlich.

 
In den allermeisten Fällen ist Aggression der letzte Ausweg, wenn alle vorherigen Versuche ein Problem zu kommunizieren oder sich zu entziehen vom Menschen nicht gesehen oder übergangen wurden.

Das bedeutet:

Aggressives Verhalten kündigt sich meist sehr früh an. In der Mimik, der Körperspannung und im Verhalten des Pferdes.

Typisches aggressives Verhalten, das gern als respektlos eingestuft wird, ist

  • Ohren anlegen
  • Kopfschlagen
  • Beißen
  • Schweifschlagen
  • Andeuten und Ausführen von Tritten
  • Bocken
  • Steigen

Die Standardreaktion vieler Pferdemenschen auf solches Verhalten:

“Das ist gefährlich! Das kann ich nicht durchgehen lassen!”

Es wird massiv gestraft und zwar meistens, OHNE dass danach sofort der Auslöser und die Ursache(n) der Verhaltens abgestellt werden.

Das Pferd soll einfach lernen, dass es sich so nicht verhalten kann. Du musst dir den Respekt deines Pferdes verschaffen, oder…?

Das Problem ist:

Du begibst dich in einen Kampf.
 

Einen Kampf, in dem dein Pferd unter Umständen lernt, dass es stark genug ist, um gegen dich zu gewinnen.

 
Schaffst du es nicht, dein Pferd SOFORT aus seiner Abwehrhaltung rauszuholen und zurück ins Miteinander, wird es richtig gefährlich.

Viele Pferde beginnen jetzt, das aggressive Verhalten zu instrumentalisieren. Sie zeigen es nicht länger nur im Affekt, wenn ihnen alles zu viel wird, sondern um sich schon bei viel kleineren Auslösern zu wehren und zu entziehen.

Das machen sie nicht aus Boshaftigkeit. Sie haben nur endlich einen Weg gefunden, sich für ihr eigenes Wohl einzusetzen. Nachdem die Menschen es oftmals jahrelang versäumt haben, dafür zu sorgen.

Dein Pferd ist für sich. Nicht gegen dich.

Das alles ist aber kein Grund, umso härter zu strafen.
 

Es ist ein Grund, endlich eine stabile, gesunde, freundschaftliche Beziehung zu deinem Pferd aufzubauen!

 
Dein Pferd als Pferd und als Persönlichkeit zu verstehen. Das nimmt deinem Pferd nicht nur jeglichen Grund, sich auf irgendeine Weise “respektlos” zu verhalten. Es bringt euch einander näher.

Beachtest du alle Faktoren, die wir bereits besprochen haben, wird aggressives Verhalten in fast jedem Fall hinfällig.

Wenn die Bedürfnisse deines Pferdes gestillt sind, es seinen Stress regulieren kann, du für seine Motivation auf pferdegerechte Art sorgst und Aufgaben so stellst, dass sie bewältigbar sind, gibst du deinem Pferd schlicht nichts, wogegen es ankämpfen müsste.

Und am allerwichtigsten:
 

Hör dein Pferd flüstern.

 
Wenn es leise sagt, dass etwas unangenehm ist, glaub ihm! Geh darauf ein! Das ist das Beste, was du für deine Sicherheit (und eure Beziehung) tun kannst.
 
 

Verhaltensmuster – Wenn dein Pferd wie im Film ist

Wie wir anfangs festgestellt haben, will dein Pferd mit seinem “respektlosen” Verhalten an ein Ziel gelangen. Wenn es deinem Pferd wiederholt gelingt, kann sich daraus ein Verhaltensmuster entwickeln.

Was bedeutet das?

Wenn dein Pferd ein Verhalten die ersten Male ausführt, wird es die Konsequenzen davon sehr genau beobachten:

Spürt es Erleichterung, nachdem es wild bockend aus der gruseligen Reithallenecke gestürmt ist?

Wenn das der Fall ist, wiederholt sich das Verhalten mit höherer Wahrscheinlichkeit. Und dein Pferd wird darauf in anderen Situationen leichter zurückzugreifen. Du bekommst den Eindruck, dass sich bei den kleinsten Auslösern ein Schalter in deinem Pferd umlegt. Es stürmt bockend los.

Dabei dringst du mit deinen Signalen kaum noch durch.

Hat sich ein Verhaltensmuster verfestigt – weil es wieder und wieder und wieder “erfolgreich” abgelaufen ist – braucht es kein akutes Bedürfnis des Pferdes mehr. Das Setting, eine Handlung des Menschen oder eine bestimmte Wahrnehmung des Pferdes reicht aus, um das Verhalten zu triggern.

Das Gefühl verändert sich dann oft nicht langsam, sondern zeitgleich mit Einsetzen des Verhaltens. Dein Pferd ist nicht angespannt, wird immer nervöser, steigert sich in seine Angst hinein und scheut schließlich ganz vorhersehbar.

Stattdessen kann es ganz ruhig und gelassen erscheinen. Explodiert aber beim kleinsten Trigger und kommt dann nur noch schwer aus seinem Affekt heraus.

Früher hat das Verhalten deinem Pferd geholfen, ein Problem zu bewältigen.

Danach wäre entscheidend gewesen, dass du deinem Pferd in der nächsten Situation bei der Regulation seiner Gefühle hilfst. Ihm ein besser geeignetes Verhalten zeigst.
Weil dein Pferd aber keine andere Bewältigungsstrategie erlernt hat, bleibt es bei dem Verhalten.
 

Mit der Zeit wird das Verhalten selbst zu einem Problem für dein Pferd, weil es starke negative Gefühle hervorruft und verstärkt, statt sie aufzulösen.

 
Rennt dein Pferd, weil es Angst hat? Oder hat es Angst, weil es rennt? Bei einem Verhaltensmuster sind Ursache und Wirkung miteinander verwoben. Gefühl und Verhalten verstärken sich wechselseitig.

Woran erkennst du, dass sich ein Verhaltensmuster entwickelt hat?

Daran, dass das Verhalten immer im gleichen Moment auftritt – an der gleichen Ecke der Reitbahn, an sich ähnelnden Stellen im Gelände, bei der gleichen Bewegung des Menschen…

Dabei erscheint der Kopf deines Pferdes quasi ausgeschaltet. Es ist schwer bis unmöglich, in diesen Momenten zu deinem Pferd durchzudringen. Du kannst seinen Fokus kaum auf etwas anderes lenken.
 
 

Fazit

Nun kennst du eine ganze Reihe an Faktoren, die zu scheinbar respektlosem Verhalten beitragen. Außerdem kennst du die verschiedenen Klassen von Pferdeverhalten, die gern in die Schublade “respektlos” gesteckt und damit über einen Kamm geschoren werden.

Um sinnvoll mit den sehr verschiedenen Verhaltensweisen umzugehen, müssen wir aber differenzieren. Insbesondere für gefährliches/aggressives Verhalten im Gegensatz zu unachtsamen/rüpeligen Verhalten unterscheiden sich die Lösungsprozesse.

Im nächsten Beitrag dieser Reihe befassen wir uns damit, wie du gefährliches und aggressives Verhalten an der Wurzel packst und ohne Gewalt auflöst.

Du hast

  • Bedürfnis- und Emotionsausdruck
  • Übersprungshandlungen
  • Ungehorsam
  • Abwehrverhalten
  • Verhaltensmuster

als Ursachen für vermeintlich respektloses Verhalten kennengelernt.

Wenn du sanfte und pferdegerechte Lösungen für Konflikte mit deinem Pferd finden möchtest, unterstützen wir dich gern im 2:1. Einen Überblick über die Möglichkeiten, mit uns zusammenzuarbeiten bekommst du hier:
 

Soforthilfe-Gespräch, Ko-Kreation und Mentoring für empfindsame Pferdemenschen 🧚

 

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