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Positive Verstärkung – Was tun, wenn dein Pferd nicht auf Click und Futterlob reagiert?

 
Freut sich dein Pferd manchmal nicht über den Click oder will sogar das Leckerlie gar nicht nehmen? Dann beobachtest du vielleicht auch solche Schwierigkeiten:

  • du hast an einigen Tagen das Gefühl, durchs Clickern nicht richtig in Verbindung mit deinem Pferd zu sein – während es an anderen Tagen wiederum kein Problem damit gibt
  • dein Pferd dreht durch Leckerlie manchmal zu sehr auf
  • dein Stimmlob scheint nicht zu deinem Pferd durchzudringen

und du weißt in diesen Momenten nicht, wie du dein Pferd loben sollst 🤔.

Du möchtest dein Pferd mit positiver Verstärkung motivieren. Also versuchst du, das gewünschte Verhalten zu belohnen (statt einfach Druck zu machen oder zu strafen, was du nicht willst). Aber nicht immer wird diese Belohnung auch vom Pferd als solche erkannt.

Oft kommt noch ein zweites Problem hinzu: Das Clickertraining fängt an, sich sehr technisch anzufühlen.

Das Clickertraining selbst ist dabei gar nicht so sehr das Problem. Sondern unser Fokus. Denn der liegt oft zu sehr auf unserem eigenen Ziel und dem Verhalten unserer Pferde.

Hier können wir ansetzen, indem wir positive Verstärkung aus einer anderen Perspektive betrachten.

Aber erstmal die Grundlagen:
 
 

Positive Verstärkung im Pferdetraining – Eine Definition

Das ist positive Verstärkung:

Ein Verhalten wird in Zukunft mit erhöhter Wahrscheinlichkeit erneut gezeigt. Und zwar, weil nach dem Verhalten eine bestimmte Konsequenz eingetreten ist.

Du belohnst dein Pferd, wenn es das Verhalten zeigt, das du dir wünschst. Du gibst ihm zum Beispiel einen Keks, wenn es dir seinen Huf gibt. Dadurch wird es in Zukunft wahrscheinlicher, dass dein Pferd beim Hufe geben mitmacht. Dein Pferd verspricht sich davon eine aus seiner Sicht wünschenswerte Konsequenz – das Leckerlie.
 
 

Was beim Clickertraining die Verbindung zwischen Pferd und Mensch stört und Trainingserfolg unmöglich macht

Sobald du einmal drin bist und verstanden hast, wie man mit positiver und negativer Verstärkung arbeitet, scheint es ganz simpel, gewünschtes Verhalten zu bekommen. Ist es auch. Aber nicht immer.

❌ Oft steht dem Trainingserfolg etwas im Weg: Das Pferd blendet den Druck einfach aus, ist durchs Futter nur gestresst oder findet das Leckerlie gar uninteressant. Oder du machst technisch zwar alles richtig, aber es FÜHLT sich für dich nicht richtig an.

Das alles hat einen Grund. Der Grund ist nicht, dass positive Verstärkung ausgerechnet bei deinem Pferd nicht funktioniert.

Grund ist, dass wir einen entscheidenden Punkt nicht in unsere Gleichung einbeziehen:
 

Akute Bedürfnisse.

 
Verstärkung – positive wie negative – würde stets in unserem Sinne funktionieren – WENN das Pferd eine weiße Leinwand wäre. Aber unsere Pferde sind kein unbeschriebenes Blatt Papier, das sich über Kekse und Druck nach unserem Willen formen lässt.

Dein Pferd bringt seine Bedürfnisse in eure Interaktion mit ein. Das, was ihm jetzt gerade aus einem bestimmten Grund wichtig ist. Und das sind eben nicht immer Leckerlie.

Wenn du gerade mit Klaustrophobie im Aufzug stehst, freust du dich wahrscheinlich auch nicht über den Donut, den deine Freundin dir anbietet. Du hast gerade einfach andere Sorgen.
 
 

Solltest du die Leckerlie lieber weglassen?

Was ich nicht sagen will ist “Vergiss die Kekse”! Denn oft sind Leckerlie genau das, was dein Pferd motiviert und womit du ihm eine Freude machen kannst.

ABER, wenn du das Gefühl hast, mit etwas nicht durchzukommen, dann schau was jetzt gerade das Bedürfnis deines Pferdes ist. Egal, ob dein Pferd nicht auf Druck, lobende Worte, deine Körpersprache oder eben den Click reagiert:

Was ist deinem Pferd jetzt gerade wichtiger als das, was du ihm als Belohnung anbietest?

Du kannst dir folgende Fragen stellen:

Worauf ist die Aufmerksamkeit meines Pferdes gerichtet?
Was würde mein Pferd gerade gern machen?
Was braucht mein Pferd, um sich wohl zu fühlen?
Was ist meinem Pferd im Moment wichtiger als das Leckerlie?

Du dringst dann mit der positiven Verstärkung nicht zu deinem Pferd durch, wenn deinem Pferd etwas anderes gerade viel wichtiger ist! Nicht, weil positive Verstärkung nicht funktioniert – sondern, weil der gewählte Verstärker aus Sicht des Pferdes gerade unwichtig oder uninteressant ist.

⚠️ Merke:
 

Das Pferd entscheidet, was eine Belohnung ist.

 
Jetzt musst du nur noch herausfinden, was genau das ist.
 
 

Wie es weitergeht, wenn du herausgefunden hast, was deinem Pferd gerade WIRKLICH wichtig ist

Wenn du weißt, was dein Pferd gerade als erstrebenswert/wichtig/interessant empfindet, kannst du entscheiden:

Lässt du zu, dass dein Pferd dem Bedürfnis nachgeht?
Kannst du dieses Interesse deines Pferdes nutzen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen?
Lässt sich ein Umgang mit euren unterschiedlichen Zielen finden, der beide Seiten unter einen Hut bringt?
Brichst du das Training ab oder versuchst, die Situation möglichst schnell zu beenden?

Wie du entscheidest, hängt natürlich von der konkreten Situation ab. Lass uns einige Beispiele anschauen.
 
 

Situationen, in denen du den Bedürfnisfokus nutzen kannst

Wenn dein Pferd auf Spaziergängen Stress hat, könnte das akute Bedürfnis darin bestehen, zur Herde zurückzugehen.

Wenn dein Pferd in der Freiarbeit ständig kopfschlenkernd antrabt (statt wie gefragt Schritt zu gehen), könnte das akute Bedürfnis in Bewegungsdrang bestehen.

Wenn dein Pferd mit seiner Aufmerksamkeit immer wieder von dir abschweift könnte das akute Bedürfnis darin bestehen, sich der Situation oder der Aufgabe zu entziehen.

⚠️ Wichtig: In allen Situationen gibt es natürlich verschiedenste Bedürfnisse, die Ursache für das Verhalten sein können!
 

Adressiere zuerst das Bedürfnis – dann das Trainingsziel.

 
Das bedeutet nicht, dass dem Bedürfnis in jedem Fall nachgegangen werden muss. Das ist ja auch nicht immer möglich. Was du aber immer tun kannst ist, das Bedürfnis zumindest für einen Moment in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

Also: Strafe nicht einfach das Verhalten. Das führt nur dazu, dass dein Pferd sein Verhalten unterdrückt. Und es womöglich bald umso heftiger und “aus dem Nichts“ aus deinem Pferd hervorbricht.

🌿 Auf dem stressigen Spaziergang kann ich den Rückweg einschlagen und dann in der Nähe des Stalls daran üben, entspannt die Herde zu verlassen. In der Freiarbeit kann ich mit dem Pferd ein paar Runden an der Hand traben, bis es sich beruhigt hat und wir konzentriert Schritt gehen können.

Aber nicht immer liegt die Lösung so auf der Hand.
 
 

Wie du mit dem Bedürfnisfokus Kompromisse erschaffst

Manchmal geht es nicht um ein Bedürfnis, dass einmal gestillt und dann abgehakt werden kann. So eine Situation hatte ich letztens mit Nathan:

Wir arbeiteten daran, mit dem inneren Hinterbein mehr Last aufzunehmen. Das ist für Nathan ziemlich anstrengend, weil er gewohnheitsmäßig mit den Hinterbeinen kaum unter den Körper fußt, aber laaaange am Boden stehen bleibt. Deshalb zog er vom Zirkel immer wieder nach außen und ließ sich durch alles mögliche ablenken.

Ich hätte weiter auf der Aufgabe bestehen und ihn ermahnen können, sich mehr anzustrengen. Aber dann hätte er sich verspannt, wäre bald nur noch stehen geblieben und hätte sich weggeblendet. Das machen viele Pferde, um nicht direkt mit dem Menschen in eine Konfrontation zu gehen. Diese Art der Dissoziation zeigt, wie unangenehm eine Aufgabe für das Pferd ist.

Also ging ich auf Nathans Wink mit dem Zaunpfahl ein. Und fragte sein inneres Hinterbein immer nur ein paar wenige Schritte auf der Zirkellinie mehr Last aufzunehmen. Um dann sofort selbst vorzuschlagen, die Linie wieder zu vergrößern und seinen Körper wieder in eine für ihn bequeme Haltung zu bringen.

Nathans Aufmerksamkeit kam wieder zu mir zurück. Und so konnte ich ihm mit den Leckerlie auch wieder eine Freude machen 💫.

Wenn positive Verstärkung scheinbar nicht funktioniert, dann oft, weil wir zu viel fordern. So viel, dass es für das Pferd aus irgendeinem Grund (psychische oder körperliche Überforderung) überhaupt nicht machbar ist. Oder das Leckerlie bietet für diese Anstrengung auch einfach nicht mehr genug Anreiz.
 

Noch ein letzter Perspektivwechsel:

 
Ich bin persönlich immer froh, wenn Nathan etwas trotz Leckerlie nicht macht.

Das zeigt, dass das Futter ihn nicht so sehr “motiviert”, dass er dafür über seine eigenen Grenzen gehen würde. Denn ich möchte ihm zwar einen Anreiz geben, meine Ideen auszuprobieren – aber ich möchte ihn nicht mit dem Futterlob unter Druck setzen. Deshalb bekommt er im Training nur niedrigwertiges Futter und kann sich auch im Stand auf leichte Art ein Leckerlie erfragen.
 
 

Entscheidend für die Umsetzung: Aktiv vorschlagen

Was du bei der Umsetzung beachten solltest:
 

Lass dein Pferd nicht einfach machen.

 
Den Fokus auf die Bedürfnisse zu legen bedeutet nicht, dass du dich von deinem Pferd durch die Gegend schleifen lassen und alles tun sollst, um dein Pferd sofort zufriedenzustellen. Dann trifft dein Pferd allein die Entscheidung darüber, was zu tun ist. Das Miteinander geht verloren – genauso, wie wenn du einfach ohne dein Pferd entscheidest.

Die Angst, dass das Pferd nur noch sein eigenes Ding macht und einem auf der Nase herumtanzt, führt meistens zu der Schlussfolgerung, alles zu verbieten und zu unterbinden, was das Pferd ohne Aufforderung des Menschen macht.

Das ist aber genauso ungünstig, wie das Pferd einfach machen zu lassen.

❌ Im ersten Fall geht die Interaktion verloren.
❌ Im zweiten Fall werden die Bedürfnisse des Pferdes unterdrückt, sodass eine Beziehung auf Augenhöhe unmöglich wird.

Wir brauchen also einen dritten Weg. Und der besteht darin, deinem Pferd AKTIV vorzuschlagen, seinen Bedürfnissen nachzugehen. Bevor dein Pferd einfach macht.

🧚‍♂️ Kommuniziere mit deinem Pferd darüber, wann es seinen Bedürfnissen nachgehen kann (und wann es sich noch etwas gedulden muss).
 
 

Schritt 1: Lenke die Aufmerksamkeit deines Pferdes auf dich.

Im Beispiel mit Nathan auf dem Zirkel merke ich zum Beispiel, wie er nach außen wegdriftet und seine Mimik von mir weggerichtet ist. Sofort spreche ich ihn an, sodass zumindest ein Ohr zu mir zeigt.

Im ersten Schritt bitte ich das Pferd innezuhalten. Anfangs lohnt es sich, schon dieses Innehalten zu clicken und zu bestärken. So wird das Innehalten selbst für das Pferd zu einer lohnenswerten Angelegenheit und ich kann es bald in vielen Situationen einsetzen, um Konflikten im Ansatz zu begegnen 🌿.
 
 

Schritt 2: Schlage deinem Pferd aktiv seine eigene Idee vor.

In Nathans Fall bestand dieser Vorschlag darin, sofort die Zirkellinie zu begradigen.

Wichtig ist, dass dieser Vorschlag prompt erfolgt. So bestärkst du das Innehalten nicht nur mit Click und Futter, sondern auch damit, dass dein Pferd seinem Bedürfnis nachgehen kann.
 
 

Aber ist das dann noch positive Verstärkung?

Es handelt sich hierbei oft nicht mehr um reine positive Verstärkung. Denn viele kleine Interaktionsschnipsel finden schnell hintereinander, teilweise auch gleichzeitig statt:

Wenn ich zum Beispiel meine Hand ums Seil schließe, damit mein Pferd mich nicht einfach zum Gras zieht, kann das schon eine positive Strafe sein. Denn im Moment des Verhaltens spürt das Pferd einen unangenehmen Druck auf der Nase.

Der Alltag mit unseren Pferden findet eben nicht im Labor statt. Wir können nicht alle Gegebenheiten und Einflüsse kontrollieren.

🌿 Wichtiger als dass es sich um reine positive Verstärkung handelt ist mir aber, wie die Pferde reagieren, wenn ich den Fokus auf ihre akuten Bedürfnisse lege: Sie werden meist sofort entspannter, motivierter und aufgeschlossener. Auch, wenn ich zwischendurch klar und deutlich Nein sage und den direkten Weg zu ihrem Ziel dicht mache – solange ich sofort aufs Pferd eingehe, sobald wir wieder in Verbindung sind.
 
 

Wieso der Bedürfnisfokus für die Motivation so wichtig ist

Allein durch das Führen am Seil nehmen wir dem Pferd die Möglichkeit, für seine akuten Bedürfnisse zu sorgen. Es kann nicht einfach hingehen, wo es will, stehenbleiben, wenn ihm danach ist oder auch nur das Tempo frei wählen.

Will ich diesen Effekt der Bedürfnisunterdrückung abmildern, muss ich das aktiv und gezielt tun. Mich also aktiv dagegen entscheiden, dass Seil ständig begrenzend einzusetzen und stattdessen die Bedürfnisse des Pferdes in den Fokus rücken und sie aktiv ermöglichen.

Gerade wenn die Bedürfnisse von starken Empfindungen angetrieben werden, sind die Pferde danach wieder besser in der Lage zuzuhören und sich auf den Menschen und die Aufgabe einzulassen. In dem Moment nimmt das Pferd schließlich auch die Kekse wieder als Belohnung wahr.

Den Fokus auf die Bedürfnisse zu legen kann übrigens auch darin bestehen, dass man
1. sehr viel kleinschrittiger verstärkt (z.B. weil es für das Pferd gerade wichtig ist, sich ganz sicher zu sein, dass es die Aufgabe richtig macht/verstanden hat)
oder
2. dass man weniger hochfrequent bestärkt und damit z.B. den Wohlfühlbewegungsfluss nicht unterbricht.

👉 Die Frage ist immer: Was ist für dein Pferd gerade wichtig?
 
 

Für die nächste Trainingseinheit: Wie du den Bedürfnisfokus ins Training mitnimmst

Wenn du dich nicht darin übst, die Bedürfnisse deines Pferdes in eure Interaktion einzubeziehen, wirst du wahrscheinlich immer wieder in eine von zwei Fallen tappen:

❌ Entweder du lässt dein Pferd einfach machen, weil du den Konflikt vermeiden willst. Du willst dein Pferd ja nicht ständig einschränken. Dadurch reißt aber eure Kommunikation ab und das Miteinander geht verloren.

❌ Oder du unterdrückst die Bedürfnisse deines Pferdes, weil du deinem Pferd verbietest einfach zu tun, wonach ihm gerade ist.

Es ist schwierig, zugleich das eigene Trainingsziel UND die Bedürfnisse des Pferdes im Blick zu behalten und beidem zur jeweiligen Zeit gerecht zu werden.

Deshalb mein Vorschlag: Nimm in der nächsten Trainingseinheit mal bewusst die Bedürfnisse deines Pferdes in den Fokus.

Wenn du das eine Zeit lang machst wirst du merken, dass es dadurch auch viel leichter wird, eure Trainingsziele zu erreichen. Weil der Widerstand deines Pferdes sich auflöst und es viel motivierter mitarbeitet.

Also:
 

Was ist deinem Pferd jetzt gerade wichtig?

 

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