Wie aus Erwartungen Probleme werden und was wir dagegen tun können

 In Achtsamkeit, Bewusstes Menschsein, Emotionen, Persönliche Entwicklung

Es scheint eine Art Wundermittel für die Beziehungen zwischen Mensch und Pferd zu sein: Das Ablegen von Erwartungen. Doch was sehen wir eigentlich, wenn wir Erwartungen einmal genauer unter die Lupe nehmen?

In diesem Artikel befassen wir uns damit

  • was Erwartungen eigentlich sind und welche unterschiedlichen Arten von Erwartungen es gibt
  • wie genau aus Erwartungen Probleme entstehen
  • welche Rolle Erwartungen im Zusammensein mit Pferden spielen
  • wie wir mit unseren Erwartungen umgehen können

 

Was sind Erwartungen eigentlich?

Als Lebewesen sind wir immerzu damit befasst, unsere Umwelt zu beobachten, mögliche Zusammenhänge zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Doch wir betrachten nicht nur das, was bereits geschehen ist. Wir leiten aus unseren Erfahrungen auch Annahmen darüber ab, was in Zukunft passieren wird.

Eine Erwartung kann also die Überzeugung oder die Vermutung sein, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Ereignis eintreten wird.

Ereignisse auf diese Art vorhersehen zu können, trägt nicht nur zu unserem Überleben bei. Diese Fähigkeit stellt auch die Grundlage für alle Pläne und Strukturen dar, die unser Leben durchziehen.

Solange es sich bei einer Erwartung nur um den Glauben an das zukünftige Eintreten eines Ereignisses handelt, sind Erwartungen wenig problematisch. Denn zumindest theoretisch sind wir in der Lage, flexibel auf Abweichungen zu reagieren.

Es war Sonnenschein angesagt, aber schon morgens ist der Himmel mit dicken Regenwolken bedeckt? Das mag uns kurz ärgern, aber dann ändern wir unsere Pläne für den freien Tag und machen nur einen kurzen Spaziergang im Park, statt den ganzen Tag am See zu liegen.

 

Wie werden aus Erwartungen Probleme?

Problematisch wird es, wenn ein weiterer Aspekt zu unseren Erwartungen hinzukommt: Nämlich dann, wenn wir nicht nur annehmen, dass etwas eintreten wird, sondern wenn wir zudem davon überzeugt sind, dass es einer gewissen Richtigkeit entspricht, dass dieses Ereignis eintritt.

Wir können aber auch Erwartungen an andere stellen und davon überzeugt sein, dass andere sich nicht nur so verhalten werden, wie wir es meinen, sondern auch, dass wir ein gewissen Recht darauf haben, dass andere unsere Erwartungen erfüllen. Hier stellt unsere Erwartung die Richtschnur für das Verhalten unserer Mitlebewesen dar.

Interessant ist, dass Menschen dazu neigen, ihr eigenes Verhalten auf situationale Faktoren zurückzuführen, während sie bei anderen schnell davon ausgehen, dass es sich um stabile Eigenschaften der Person handelt. Wenn ich meinen Müll auf den Boden schmeiße, dann liegt das daran, dass ich unter Zeitdruck bin und gerade auch kein Mülleimer in Reichweite ist. Wenn andere ihren Müll auf den Boden werfen, dann sind sie unachtsame Umweltverschmutzer, die zu faul sind, die paar Schritte zur Mülltonne zu gehen. Überspitzt ausgedrückt ;).

Wenn wir Erwartungen, die wir an andere stellen, im Rahmen dieses Attributionsmusters betrachten, dann erkennen wir, dass wir vermutlich häufig über andere und deren Charakter urteilen, während wir den Einfluss der Situation auf das Individuum vernachlässigen.

 

Welche Rolle spielen Erwartungen im Zusammensein mit Pferden?

Ich glaube, dass etwas ähnliches auch vor sich geht, wenn wir mit Erwartungen zu unseren Pferden gehen. Wobei ich mich auf Erwartungen beziehe, die uns ein gewisses Recht darauf vorgaukeln, dass sich das Pferd auf eine bestimmte Weise verhält.

Dass ich erwarte, dass Nathan bei kühlem Wetter Lust haben wird, wild mit mir zu toben, ist an sich noch kein Problem. Denn wenn ich in den Stall komme und er mir stattdessen müde entgegenblinzelt, kann ich meinen Plan darauf abstimmen und wir machen stattdessen etwas ruhige gymnastizierende Arbeit oder nur Wellnessprogramm.

Wenn aber eine innere Stimme mir zuflüstert, dass er nicht nur Spaß an Bewegung haben wird, sondern dass das auch ganz richtig so wäre, dann impliziert das mitunter, dass alle anderen Möglichkeiten falsch sind.

Ich glaube, wir alle kennen diese innere Stimme, die ganz genau weiß, wie die Welt auszusehen und wie wir selbst und wie andere zu sein haben:

Pferde sollen bereit sein, mit ihrem Menschen zu kuscheln.
Mein Pferd muss mich mögen
Ein Pferd, das seinen Menschen mag parkt freiwillig und gelassen an der Aufstiegshilfe ein.
Pferde müssen sich überall anfassen und putzen lassen.

Wer selbst mal mit einem Menschen zusammengelebt hat, der entsprechende Erwartungen an seine Mitmenschen stellt, weiß wie schwierig es ist, diesen immerzu zu entsprechen, ohne sich dabei selbst zu verraten. Eigentlich ist es unmöglich.

Es gibt so viele Dinge, von denen wir überzeugt sind, dass Pferde sie nicht nur tun, sondern dass sie so sein sollten. Immerzu und ganz gleich, unter welchen Umständen.

Vermutlich entscheiden wir uns nicht bewusst dazu, dieser inneren Stimme Glauben zu schenken. Vermutlich haben die meisten von uns sich schon einige Gedanken darüber gemacht, dass Pferde immer auch äußeren Einflüssen unterliegen. Darüber, dass Pferde zunächst einmal Pferde sein sollen – und sich entsprechend ihrer Natur verhalten. Und doch beeinflusst eine innere Stimme und Glaubenssätze, die älter sind als wir selbst, unser Verhalten gegenüber unseren besten vierbeinigen Freunden.

 

Woher kommt diese innere Stimme?

Ich glaube, dass diese innere Stimme versucht, zwei treibende Kräfte in uns zu vereinbaren:

Zum einen das Kind in uns, dass befürchtet, nicht gut genug zu sein, nicht geliebt zu werden, allein zu sein.

Zum anderen unseren inneren Kritiker, der all unser „Wissen“ über Richtig und Falsch, Gut und Böse verkörpert. Unser innerer Kritiker sagt uns, wie die Dinge idealerweise sein und ablaufen sollten.

Dieser Kritiker sagt uns, was wir erwarten können und worauf wir ein Anrecht haben und unser inneres Kind schlägt Alarm, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Und dann sagt die innere Stimme: „Tu was! Nimm dir endlich, was dir gehört! Lass dieses Verhalten nicht durchgehen!“

Es ist nicht unser erwachsenes, bewusstes, rationales Selbst, das da aus uns spricht. Es ist unsere Angst. Aber es ist nicht die Angst davor, etwas nicht zu bekommen oder etwas zu verlieren.

Es ist die Angst, uns selbst nicht zu genügen. Diese Angst projizieren wir ins Außen, weil wir ihr dort viel leichter nachkommen können.

Wir denken nicht wirklich, dass wir ein Anrecht darauf haben, dass unser Pferd uns auch bei 32° und Dutzenden nerviger Bremsen und Mücken durch die Gegend trägt. Aber wenn wir unsere Angst dann spüren, wenn das Pferd uns diesen Gefallen verweigert und wir befürchten, dass das ein Zeichen dafür ist, dass etwas nicht mehr der richtigen Ordnung entspricht, dann können wir uns fragen, ob wir wirklich Angst vor dem haben, was das darüber sagt, wie unser Pferd zu uns steht oder darüber, wie wir selbst zu uns stehen.

Im Außen kann ich mein Pferd verantwortlich machen. Und wenn mein Pferd verantwortlich ist, dann brauche ich mir nicht unzulänglich vorkommen, weil ich nicht bekomme, was ich „verdiene“. Schnell verwandelt sich dieses Gefühl in Ärger, in Energie, die mich dazu bringt, mir das zu nehmen, was ich haben will.

Wenn wir nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – Verantwortung für das Erkennen der Realität, Verantwortung für das Verständnis unseres Gegenübers, Verantwortung für das Ergebnis unseres Handelns und letztendlich in einem gewissen Rahmen für die Entwicklung unseres Lebens, dann wird diese innere Stimme an Lautstärke gewinnen.

Ich meine damit nicht, dass wir uns bewusst dazu entscheiden, keine Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube auch nicht, dass wir der Stimme bewusst Glauben schenken. Vermutlich erkennen die meisten von uns an, dass vieles im Leben ein Geschenk ist, auf das wir nicht einfach ein Geburtsrecht haben.

Aber so, wie wir das manchmal glasklar erkennen, vergessen wir es in anderen, emotionaleren Situationen auch wieder.

 

Wie können wir mit unseren Erwartungen umgehen?

Die Antwort klingt so einfach und erfordert in der Praxis doch viel Übung: Wir können unseren Erwartungen mit Bewusstsein begegnen.

Unser Bewusstsein kann sowohl unseren inneren Kritiker hinterfragen als auch die Bedürfnisse unseres inneren Kindes erkennen.

Es ist die Entscheidung, nicht einfach auf Autopilot durch unseren Alltag zu laufen und unseren ersten Impulsen nachzugeben, die uns dazu befähigt, „enttäuschte Erwartungen“ einzig und allein als eine Gegebenheit zur Planänderung zu verstehen oder als Notwendigkeit, unsere Überzeugungen über die Realität zu verändern.

Ich habe mir angewöhnt, mir immer mal wieder die Frage zu stellen: Was erwarte ich heute?, bevor ich in eine Einheit mit Nathan starte. Das allein reicht, um mein Bewusstsein zu wecken und mich davon abzuhalten, mich Nathan gegenüber unfair zu verhalten, weil ich mit mir selbst gerade nicht im Einklang bin.

Die Lösung ist simpel. Die Kunst besteht darin, sie auch umzusetzen. Darin, im richtigen Moment wach und ganz bei sich zu sein. Darin, eigene Schwächen wahrnehmen zu wollen und bereit zu sein, auch mal dorthin zu schauen, wo es schmerzt. Je häufiger wir das tun, desto leichter fühlt es sich schließlich an.

Und dann sind die Erwartungen an sich schließlich gar kein Problem mehr.

 

Zum Weiterstöbern:

In Gewohnheiten ablegen – Verlernen um zu lernen schreibe ich über mein Verständnis von Gewohnheiten. Und wie wir auch von “schlechten” Gewohnheiten etwas lernen können.

Hier hat Jana darüber geschrieben, weshalb es nicht reicht, einfach “positiv zu denken”: Ist positiv denken der Schlüssel?

Über das Loslassen belastender Gefühle und Gedanken kannst du hier mehr lesen.

 

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