Wir drehen uns im Kreis, oder…?

 In Intuition, Persönliche Entwicklung, Problemlösung

Wir kommen ans Ziel, doch was dann kommt, ist ein neues Problem. Eine neue Herausforderung. Die nächste Chance, etwas zu lernen. Die Einladung, eine Richtung zu wählen und den nächsten Schritt zu machen. So kommt mir unser Weg mit Nathan häufig vor. Als würde uns das Leben bei Erreichung eines Ziels nicht in Ruhe unseren Erfolg genießen lassen, sondern uns gleich vor die nächste Aufgabe stellen. Ich mag das. Einerseits.

Mir kommt es vor als wäre Lernen und Leben ein Prozess der in Kreisen verläuft und doch voran geht.

Lernen und Leben als ein mal ausgelassenes, mal ernstes Spiel mit der Balance. Wir lernen, uns zu konzentrieren, ohne dabei verbissen zu sein. Wir lernen, in der Ruhe Spaß zu haben. Wir lernen, zwischen Spiel, übersprudelnder Energie und Entspannung zu wechseln. Und auch, wenn wir mal eine Erkenntnis haben, einen Schritt weiter kommen, etwas dazulernen und unsere Fähigkeiten sich entwickeln, kommen wir doch nie ans Ende.

So sehr ich das einerseits mag, muss ich mich manchmal daran erinnern, einmal an früher zurückzudenken. Sonst vergesse ich in meinem Streben danach noch mehr zu lernen und viel mehr zu können, mich über das zu freuen, was wir schon gemeinsam erreicht haben. Wie oft habe ich schon verwundert dagesessen und Fotos angesehen, die gerade ein halbes Jahr alt waren und dennoch schienen auf die ein oder andere Art Welten zwischen den gewöhnlichen Momenten von damals und denen von heute zu liegen. Wir unterschätzen so schnell, was sich in einem Jahr verändern kann. Wie viele Schwierigkeiten sich auflösen, manchmal fast unbemerkt, nahezu von selbst und welch unvorhergesehenen neuen Aufgaben plötzlich hinzukommen. Für mich gilt nicht mehr, das Eine zu schaffen. Ich arbeite nicht mehr auf „Wenn, dann…“ hin.

Jetzt gerade, da lernen wir. Wir werden für immer lernen. Wir werden für immer Probleme lösen.

Da ist ein Satz, der mir immer wieder in den Kopf kommt, aus dem Lehrbuch zum ersten Semester im Psychologiestudium. Er geht in etwa so: „In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Patienten, nicht depressiv auf ihre Depression zu reagieren.“

Verhält es sich so nicht auch mit Problemen?

Problematisch ist, wenn wir problematisierend auf Probleme reagieren. Problematisch ist, wenn wir Probleme aufbauschen, dramatisieren, uns lähmen lassen, sie ignorieren und sie als Strafe des Lebens wahrnehmen. Probleme sind erstmal einfach nur Probleme. Aufgaben, die das Leben an uns stellt. Aufforderungen, sich mit einem Thema zu beschäftigen. Und damit sind Probleme immer auch Chancen zu wachsen.

Das bedeutet nicht, dass wir Probleme nicht auch als schlimm, überfordernd oder beängstigend wahrnehmen dürfen. Wenn ich an die Verantwortung denke, die es mit sich bringt, jeden Tag frei zu wählen, welche Entscheidungen ich treffe, dann finde ich das sehr beängstigend. Dann fühle ich mich überfordert. Dann lähmt mich das manchmal auch. Doch genau in diesen Momenten versuche ich, diese Aufgabe als Chance wahr- und als Herausforderung anzunehmen.

Dabei hilft es, sich nur einem Problem zu einer Zeit zu widmen, dabei immer mal wieder einen Blick auf den inneren Kompass zu werfen, zu reflektieren und nachzudenken und sich bisweilen auch mal Hilfe zu holen.

Ein Problem ist nur ein Problem.

Wir werden nie an den Punkt kommen, an dem es keine Probleme mehr für uns gibt. Also lernen wir lieber, den Prozess des Problemlösens zu lieben. Uns daran zu erfreuen, dass wir auf dem Weg sind (auch wenn es sich mal als “der Falsche” herausstellt).

Das gilt auch und ganz besonders für die Wege, die wir mit unseren Pferden gehen, denn mit unseren Pferden sind wir doch eigentlich vor allem deshalb zusammen, weil wir Freude empfinden wollen. Nicht in ein paar Jahren. Auch nicht in einem Monat oder übermorgen und schon gar nicht, „Wenn wir endlich XYZ gelöst oder erreicht“ haben, sondern heute. Jetzt gerade. Gleich, wenn du zu deinem Pferd gehst, dann willst du es anlächeln und sagen können „Schön, dass es dich gibt“ und vielleicht lacht ihr dann gemeinsam über das, was noch nicht klappt und freut euch über all das, was schon wunderbar klappt, ja vielleicht schon immer ganz unbemerkt einfach funktioniert hat.

Wir können Probleme auch als Geschenke sehen, die das Leben uns immer dann macht, wenn wir uns in einem Prozess einer Art Ende nähern.

Vielleicht kann man aber auch nicht wirklich von einem Ende sprechen, weil wir den meisten Lektionen des Lebens doch immer wieder begegnen. Aber wenn wir den Prozess einer Lektion durchlaufen, dann begegnen wir ihr später auf einer anderen Ebene, mit anderem Bewusstsein. Und so bedeutet ein neues Problem auf einer anderen Ebene, dass wir einen wichtigen Prozess gemeistert haben, dass wir etwas Wichtiges gelernt haben, dass wir nicht mehr ganz die sind, die wir vor diesem Prozess waren.

Das ist Persönlichkeitsentwicklung

– sich neuen Problemen widmen, die sich ganz von allein stellen, weil wir andere Probleme gelöst haben – das ist Entwicklung. So ernüchternd es sich manchmal anfühlen mag, nie ans Ziel zu gelangen.

Frage dich, wann immer du das Gefühl hast, nicht ans Ziel zu gelangen: Was sind die Werte, die mir wichtig sind? Was sind die Ziele, die hinter all dem liegen? Nimm dir die Zeit, diesen Blick auf deinen inneren Kompass zu werfen. Denke darüber nach, welche alten Probleme du schon lösen konntest und wie du dabei deine Werte gelebt hast. Wie haben dich deine Lösungen deinen Zielen näher gebracht?

Genieße, dass du dich in diesem Prozess befindest, in dem du Entscheidungen treffen und Werte leben und Ziele verfolgen darfst. Halte einen Moment inne und sieh dich um und erkenne, dass sich jeder um dich herum in eben diesem Prozess befindet, in dem ein “Problem” auf das Nächste folgt. Und wenn das Wort Problem dir nun immer noch Bauchgrummeln bereitet, dann wähle für dich ein anderes Wort. Vielleicht handelt es sich für dich um Aufgaben oder Herausforderungen oder Chancen. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus all diesen Bedeutungen. Wahrscheinlich entscheiden wir jeden Moment neu, ob etwas ein kniffliges Problem, eine simple Aufgabe, eine große Herausforderung oder eine großartige Chance ist. Ganz gleich, wie wir diese Konfrontationen mit dem Leben bezeichnen, sie werden nicht immer angenehm sein. Manchmal schon.

Es ist wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass der Prozess an sich zählt. Nicht das Ende.

Nicht das, was wir uns zu gewinnen erhoffen. Nicht das, was nach diesem Prozess kommt. Was zählt ist das, was wir in diesem Moment erleben. Das, was wir rückblickend lernen. Wichtig ist, was in diesem Prozess entsteht, dass dieser Prozess uns verändert, so verändert, dass wir schließlich den Prozess verändern. Wichtig ist, dass wir beginnen, den Prozess bewusst wahrzunehmen, damit wir beginnen können, ihn als das Geschenk zu betrachten, das er ist und damit wir beginnen können, ihn zu gestalten und uns in diesem Prozess zu verwirklichen.

 

Zum Weiterstöbern:

Beim Umgang mit Problemen kommt es vor allem auf unser Bewusstsein an und darauf, dass wir die Ursachen hinter den Schwierigkeiten erkennen und verstehen. Unter Gewohnheiten ablegen – Verlernen um zu lernen habe ich mich außerdem damit befasst, weshalb es so schwierig ist, destruktive Gewohnheiten abzulegen und wie es uns mithilfe unseres Bewusstseins dennoch gelingen kann.

Wenn du lieber erfahren möchtest, wie man ein ganz konkretes und häufig anzutreffendes Problem im Pferdetraining mit Futterlob lösen kann, dann interessiert dich vielleicht Basics Clickertraining: Höflichkeit und Futterlob.

Um ein ganz anderes, aber dafür umso wichtigeres Thema geht es im Gastbeitrag von Antonia: Nachhaltigkeit im Leben mit Pferden.

 

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Showing 4 comments
  • Jessica Freymark
    Antworten

    Mir geht es auch häufig so, dass ich vergesse, was ich alles schon geschafft habe… Da hilft es tatsächlich oft sich alte Fotos anzuschauen. 🙂

    Gleichzeitig habe ich durch die Pferde gelernt mir zwar Ziele zu setzen, vor allem aber den Weg dorthin zu genießen! Es geht mir gar nicht mehr darum dieses Ziel zu erreichen, sondern auf dem Weg dorthin gemeinsam Freude zu haben! Ich denke auch gar nicht mehr so sehr in Problemen, sondern beginne schnell mit der Lösungssuche. Das ist nur eine Frage des Fokus. Konzentriere ich mich auf das Problem und wie schlimm das gerade ist? Oder überlege ich Warum das gerade so ist und Wie ich das ändern kann. 😉 Ich selbst nenne Probleme gerne Herausforderungen, auch wenn Chance tatsächlich auch ein gutes Synynom dafür ist. 🙂
    Ich liebe es zu lernen und mich selbst ständig weiter zu entwickeln. Das haben mir die Pferde gelehrt, doch inzwischen beschäftige ich mich auch in meinem Leben außerhalb der Pferde sehr viel damit. Ich glaube, wenn man einmal so richtig damit angefangen hat, will man nur noch weiter und nicht mehr zurück. 🙂
    Liebe Grüße
    Jessica

    • Anni
      Antworten

      Hallo Jessica,
      danke für deine lieben Worte :)! Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Pferde uns beibringen, uns selbst zu reflektieren und sich das auch auf andere Bereiche des Lebens überträgt und schließlich beginnt man, sich selbst immer besser zu verstehen und die Zusammenhänge zu sehen.
      Liebe Grüße
      Anni

  • Claudia Schürmann
    Antworten

    Feiner Ansatz. Ich bin mittlerweile 50 Jahre alt…lebe vegan und habe begriffen, dass mein Leben in erster Linie in mir…in meinem Kopf stattfindet. Früher arbeitete ich als Trainer…wollte Reitern mit ihren Pferden Möglichkeiten zeigen , entspannter, gelöster und freudiger miteinander umzugehen, aus Liebe zum Pferd. ” Blödsinn ” habe ich eines Tages erkannt, ” Wenn ich Pferde liebe, dann nutze und benutze ich sie nicht für das was mir wichtig ist oder was ich will. Wir Menschen müssen unbedingt davon weg kommen, auf dem Rücken der Tiere unser Glück zu suchen, ( das gilt übrigens für alle Tiere ) denn immer dann wenn der Mensch seine Finger im Spiel hat, gibt es Probleme. Also einfach mal sein ewiges ” Wollen ” an den Nagel hängen, dann ist auch nicht mehr wichtig was man geschafft hat oder was man noch schaffen will.

    • Anni
      Antworten

      Hallo Claudia,
      danke für deinen Kommentar, der wirklich zum Nachdenken anregt. Ich stimme dir zu, dass unser menschliches Wollen viel Leid verursacht und wir viele Probleme gar nicht erst entstehen lassen, wenn wir unsere Erwartungen loslassen. Das ist für viele von uns jedoch ein weiter Weg, der oft in sehr kleinen Schritten vorangeht. Für viele bedeutet es Verzicht, Pferde so zu behandeln, wie es ihrer Liebe zu ihnen entsprechen würde. Ich denke, dieses Empfinden entsteht mitunter aus einem Mangelgefühl. Uns Menschen fehlt es an etwas und wir suchen dies von anderen Lebewesen zu bekommen, statt in uns selbst danach zu suchen. Erst letztens wurde ich wieder gefragt, ob es nicht langweilig sei, das Pferd einfach nur zu streicheln, als ich erwähnte, dass wir nicht reiten. Es ist schade, dass unsere kindliche Faszination an den einfachen Dingen des Lebens so sehr verloren geht, wir uns an Schönes gewöhnen und es als selbstverständlich hinnehmen, wenn wir älter werden. Es weiterhin genießen zu können, mit Pferden einfach nur zu sein, bedarf viel Bewusstsein und Selbstreflexion.
      Liebe Grüße
      Anni

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